Inter­pel­la­ti­on Amherd (11.3862): Ver­schär­fung der Inter­net­über­wa­chung
Erle­digt.

Eingereichter Text

Ange­sichts des Atten­tats in Nor­we­gen im Juli 2011 hat Bun­des­rä­tin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga ange­kün­digt, dass sie die Über­wa­chung des Inter­nets ver­schär­fen will. Die­ser Schritt ist zu begrü­ssen. Ange­sichts der bis­he­ri­gen Wei­ge­rung des Bun­des­ra­tes, bei der Bekämp­fung von Inter­net­kri­mi­na­li­tät, der Ver­brei­tung gewalt­ver­herr­li­chen­der, jugend­ge­fähr­den­der Inhal­te usw. die Pro­vi­der in die Pflicht zu neh­men, fra­ge ich den Bun­des­rat aber an:

1. Was genau beab­sich­tigt das EJPD zu unter­neh­men?

2. Ist er nun bereit, das in ver­schie­de­nen Vor­stö­ssen aus dem Par­la­ment ver­lang­te här­te­re Anpacken von Inter­net­pro­vi­dern nun anzu­ge­hen?

Stellungnahme des Bundesrats

1. Was die Mög­lich­kei­ten zur Über­wa­chung des Inter­nets in einem hän­gi­gen Straf­ver­fah­ren betrifft, sind meh­re­re Ver­bes­se­run­gen auf ver­schie­de­nen Ebe­nen vor­ge­se­hen. Der Bun­des­rat hat an der Sit­zung vom 23. Novem­ber 2011 das EJPD beauf­tragt, im Rah­men der Total­re­vi­si­on des Bun­des­ge­set­zes vom 6. Okto­ber 2000 betref­fend die Über­wa­chung des Post- und Fern­mel­de­ver­kehrs (Büpf; SR 780.1) den Kreis derer klar fest­zu­le­gen, die Über­wa­chun­gen durch­zu­füh­ren bzw. zuzu­las­sen und zu ermög­li­chen haben. Der Bun­des­rat hat das EJPD wei­ter beauf­tragt, in der erwähn­ten Revi­si­on den Ein­satz von Infor­ma­tik­pro­gram­men (Government Soft­ware, Gov­wa­re) zu klä­ren, damit die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den auch ver­schlüs­selt über­mit­tel­te Daten (z. B. ver­schlüs­sel­te E-Mails oder Sky­pe) über­wa­chen kön­nen. Der Ein­satz von Gov­wa­re soll aber nur bei den­je­ni­gen Straf­ta­ten zuläs­sig sein, die in Arti­kel 286 Absatz 1 der Straf­pro­zess­ord­nung (StPO; SR 312.0) erwähnt sind, d. h., zu deren Ver­fol­gung auch die ver­deck­te Ermitt­lung zuläs­sig ist. Anläss­lich der erwähn­ten Sit­zung hat der Bun­des­rat eben­falls die revi­dier­te Ver­ord­nung vom 31. Okto­ber 2001 über die Über­wa­chung des Post- und Fern­mel­de­ver­kehrs (SR 780.11) ver­ab­schie­det, wel­che am 1. Janu­ar 2012 in Kraft tre­ten wird. Die­se Revi­si­on trägt der tech­ni­schen Ent­wick­lung Rech­nung und prä­zi­siert, wel­che Daten die Fern­mel­de­dienst­an­bie­ter nach dem gel­ten­den Büpf lie­fern müs­sen, damit die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den zur Auf­klä­rung schwe­rer Straf­ta­ten Mobil­te­le­fo­nie und Inter­net über­wa­chen kön­nen.

Was die Über­wa­chung des Inter­nets ausser­halb eines Straf­ver­fah­rens zur Ver­hin­de­rung von Straf­ta­ten anbe­langt, ist auf die bestehen­den bzw. abge­schlos­se­nen Bestre­bun­gen der Kan­to­ne hin­zu­wei­sen, ihre Poli­zei­ge­setz­ge­bung an das Bedürf­nis nach prä­ven­ti­ven Ermitt­lun­gen ins­be­son­de­re im Inter­net (z. B. in Chat­rooms, sozia­len Netz­wer­ken oder son­sti­gen Foren) anzu­pas­sen. Bezo­gen auf die Tätig­keit der Schwei­ze­ri­schen Koor­di­na­ti­ons­stel­le zur Bekämp­fung der Inter­net­kri­mi­na­li­tät (Kobik) ist fest­zu­hal­ten, dass Ende 2010 eine Ver­ein­ba­rung zwi­schen Kobik, dem Sicher­heits­de­par­te­ment des Kan­tons Schwyz und dem Bun­des­amt für Poli­zei geschlos­sen wur­de. Der­zeit sind die Moda­li­tä­ten des Ein­sat­zes der Mit­ar­bei­ten­den von Kobik als ver­deck­te Ermitt­ler zur Bekämp­fung der Pädo­kri­mi­na­li­tät im Inter­net im Sin­ne von § 9d der Ver­ord­nung vom 22. März 2000 des Kan­tons Schwyz über die Kan­tons­po­li­zei (PolV; SRSZ 520.110) gere­gelt. Die Mit­ar­bei­ten­den von Kobik sind für die­se Ein­sät­ze der Kan­tons­po­li­zei Schwyz unter­stellt.

Hin­sicht­lich der Erken­nung von Gefähr­dun­gen für die inne­re Sicher­heit ist die lau­fen­de Revi­si­on des Bun­des­ge­set­zes vom 21. März 1997 über Mass­nah­men zur Wah­rung der inne­ren Sicher­heit (BWIS; SR 120) zu erwäh­nen. Dem Nach­rich­ten­dienst des Bun­des soll fort­an die Mög­lich­keit zuge­stan­den wer­den, beim Dienst für die Über­wa­chung des Post- und Fern­mel­de­ver­kehrs zur Erfül­lung sei­ner nach­rich­ten­dienst­li­chen Auf­ga­ben Aus­künf­te über Fern­mel­de­an­schlüs­se ein­zu­ho­len (vgl. dazu die Zusatz­bot­schaft vom 27. Okto­ber 2010 zur Ände­rung des Bun­des­ge­set­zes über Mass­nah­men zur Wah­rung der inne­ren Sicher­heit, “BWIS II redu­ziert”, BBl 2010 7861).

2. Der Bun­des­rat hat zu den betref­fen­den par­la­men­ta­ri­schen Vor­stö­ssen Stel­lung genom­men. Zu erwäh­nen ist in die­sem Zusam­men­hang auch der Bericht “Netz­werk­kri­mi­na­li­tät: Straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit der Pro­vi­der und Kom­pe­ten­zen des Bun­des bei der Ver­fol­gung von Netz­werk­de­lik­ten” vom Febru­ar 2008. Die Kom­mis­sio­nen für Rechts­fra­gen des Natio­nal­ra­tes und des Stän­de­ra­tes haben die­sen Bericht des Bun­des­ra­tes am 6. Novem­ber 2008 bzw. am 15. Juni 2009 zur Kennt­nis genom­men.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.