Inter­pel­la­ti­on Schmid (17.4024): Risi­ken und Chan­cen rund um Bit­co­ins und Cyber­wäh­run­gen

Eingereichter Text

Der Bun­des­rat wird gebe­ten, rund um Coins und Tokens (“Tokens” ver­stan­den als Rech­te, wel­che ein­zig durch Ein­trag in einer Block­chain bzw. in einem Dis­tri­but­ed Led­ger geschaf­fen und über­tra­gen wer­den kön­nen) fol­gen­de Fra­gen zu beant­wor­ten:

1. Bestehen sei­tens des Bun­des Plä­ne, spe­zi­fi­sche regu­la­to­ri­sche Grund­la­gen bzw. einen spe­zi­fi­schen regu­la­to­ri­schen Rechts­rah­men für Coins/Tokens zu schaf­fen oder wer­den die bestehen­den Rechts­grund­la­gen als aus­rei­chend betrach­tet?

2. Nach schwei­ze­ri­schem Recht kön­nen nicht in Wert­pa­pier­form ver­brief­te Rech­te grund­sätz­lich nur mit­tels schrift­li­cher Abtre­tungs­er­klä­rung über­tra­gen wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re auch für soge­nann­te Wert­rech­te, es sei denn die­se wur­den in ein Zen­tral­ver­wah­rungs­sy­stem ein­ge­bucht und als Buch­ef­fek­ten aus­ge­stal­tet.

Coins/Tokens wer­den hin­ge­gen aus­schliess­lich durch Ein­trag in einer dezen­tra­len Daten­bank (Dis­tri­but­ed Led­ger bzw. Block­chain) über­tra­gen und qua­li­fi­zie­ren nach gän­gi­ger Auf­fas­sung nicht als Buch­ef­fek­ten. Bestehen sei­tens des Bun­des Plä­ne, recht­li­che Grund­la­gen zu schaf­fen, wel­che die rechts­gül­ti­ge Über­tra­gung von Coins/Token bzw. ganz all­ge­mein von Rech­ten und ande­ren Ver­mö­gens­wer­ten mit­tels Ein­trag auf einer Block­chain ander­wei­tig ermög­li­chen wer­den als durch den bis­her prak­ti­zier­ten form­lo­sen Über­gang?

3. In wel­cher Wei­se plant der Bund, wenn über­haupt, die grund­le­gen­de Tria­ge der Appli­ka­ti­on als nicht-staat­li­ches Wäh­rungs­sy­stem (also solan­ge kein Anspruch auf einen unter­lie­gen­den Wert besteht, z.B: Bit­coin) von der Appli­ka­ti­on mit unter­lie­gen­dem Anspruch (Debt oder Equi­ty Tokens, sog. Colo­red Coins) gesetz­lich zu regeln?

4. Ver­schie­de­ne Ban­ken, Han­dels­sy­ste­me und ande­re Finanz­in­ter­me­diä­re bie­ten ihren Kun­den die Mög­lich­keit Coins/Tokens (ins­be­son­de­re Bit­co­ins) zu erwer­ben und in ihren Depots zu “ver­wah­ren” oder die­se auf Ser­ver­struk­tu­ren von Dritt­an­bie­tern zu lagern, wo die soge­nann­ten Pri­va­te Keys nur dem Finanz­dienst­lei­ster, nicht aber dem Kun­den bekannt sind und damit die Ver­fü­gungs­macht beim Finanz­dienst­lei­ster liegt.

Wo die Bank oder der Han­dels­platz sol­che Coins/Tokens für die Kun­den erwer­ben, stellt sich die Fra­ge, wie die­se Ver­mö­gens­wer­te bzw. die Pri­va­te Keys im Fall eines Kon­kur­ses einer Bank, eines Han­dels­sy­stems oder eines Finanz­in­ter­me­di­ärs zu behan­deln sind? Ins­be­son­de­re ist von Inter­es­se, ob nach Ansicht des Bun­des­ra­tes einem Kun­den ein Aus­son­de­rungs­recht auf die, meist wohl treu­hän­de­risch gehal­te­nen, Pri­va­te Keys zukommt und falls nicht, ob Plä­ne bestehen, ein sol­ches Aus­son­de­rungs­recht (ana­log dem Aus­son­de­rungs­recht für Effek­ten) im schwei­ze­ri­schen Recht zu ver­an­kern?

BEGRÜNDUNG

Begründung

Cyber­wäh­run­gen und The­men wie Bit­co­ins sind in aller Mun­de. Bis­her nicht oder nur unter­ge­ord­net wer­den – neben den Chan­cen, wel­che die­se neu­en Tech­no­lo­gi­en mit sich brin­gen – die damit ver­bun­de­nen syste­mi­schen und indi­vi­du­el­len Risi­ken und die Ein­ord­nung die­ser neu­en Ent­wick­lun­gen in unser bestehen­des Rechts­sy­stem dis­ku­tiert. Ende Sep­tem­ber 2017 hat die Eid­ge­nös­si­sche Finanz­markt­auf­sicht in einer Auf­sichts­mit­tei­lung fest­ge­hal­ten, dass Coin oder Token Offe­ring je nach Aus­ge­stal­tung der Coins/Tokens unter die bestehen­den Finanz­markt­ge­set­ze fal­len kön­nen, wobei es auf die Aus­ge­stal­tung im Ein­zel­fall ankä­me. Mit die­ser Inter­pel­la­ti­on sol­len wei­te­re Rechts­fra­gen und Risi­ken von Cyber­wäh­run­gen beleuch­tet wer­den.

Stellungnahme des Bundesrats vom 31. Januar 2018

Die Ent­wick­lun­gen im Bereich der Block­chain-Tech­no­lo­gie stel­len einen wich­ti­gen Aspekt der Digi­ta­li­sie­rung dar, ins­be­son­de­re im Finanz­be­reich. Öffent­li­che Auf­merk­sam­keit haben in jün­ge­rer Zeit die Kryp­towäh­run­gen (bspw. Bit­coin) und auch neu­ar­ti­ge Finan­zie­rungs­me­tho­den (sog. “Initi­al Coin Offe­rings, ICOs”) erfah­ren.

Zu den Fra­gen 1) und 3):

ICOs sind eine neue Form der öffent­li­chen Kapi­tal­be­schaf­fung über die Block­chain-Tech­no­lo­gie. Auf der einen Sei­te sind Finanz­in­no­va­tio­nen für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Finanz­plat­zes Schweiz unab­ding­bar. Eine effi­zi­en­te­re Kapi­tal­al­lo­ka­ti­on durch Auf­bre­chen der Wert­schöp­fungs­ket­te kann posi­ti­ve Effek­te auf das Wirt­schafts­wachs­tum haben. Auf der ande­ren Sei­te müs­sen Risi­ken (z.B. Repu­ta­ti­ons­ri­si­ken durch unse­riö­se Tritt­brett­fah­rer) begrenzt und eine unge­recht­fer­tig­te regu­la­to­ri­sche Bevor­zu­gung gegen­über tra­di­tio­nel­len Finan­zie­rungs­me­tho­den ver­mie­den wer­den.

Die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung der Coins/Tokens unter­schei­det sich im Ein­zel­fall in funk­tio­na­ler und öko­no­mi­scher Hin­sicht stark. Es gibt bei­spiels­wei­se Coins/Tokens, die einen rea­len Wert (z.B. ein Edel­me­tall) abbil­den sol­len, den Bezug einer Dienst­lei­stung ermög­li­chen sol­len oder Eigen­schaf­ten einer Wäh­rung beinhal­ten kön­nen. Abhän­gig von der jewei­li­gen Aus­ge­stal­tung eines ICOs bestehen unter­schied­li­che Berüh­rungs­punk­te zum Auf­sichts­recht (z.B. Geld­wä­sche­rei und Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung, Ban­ken­recht, Effek­ten­han­del, Kol­lek­tiv­an­la­gen­recht).

Zur­zeit bestehen weder inter­na­tio­na­le Stan­dards noch spe­zi­fi­sche Vor­schrif­ten in der Schweiz zu ICOs. Die FINMA ist in Ein­zel­fäl­len mit Enforce­ment-Mass­nah­men bei Schein­kryp­towäh­run­gen bereits aktiv gewor­den und hat eine Auf­sichts­mit­tei­lung zu ICOs ver­öf­fent­licht, der­zeit nimmt sie wei­te­re Abklä­run­gen vor. Das EFD ana­ly­siert die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in der Schweiz. Grund­sätz­lich ist der Bun­des­rat der Mei­nung, dass die regu­la­to­ri­schen Vor­ga­ben Rechts­si­cher­heit gewähr­lei­sten und in die­sem Rah­men kla­re Richt­li­ni­en für eine lega­le, indi­vi­du­el­le und risi­ko­ge­rech­te Aus­ge­stal­tung eines ICOs bie­ten soll­ten.

Zu den Fra­gen 2) und 4):

Der Bun­des­rat teilt die Ansicht, dass sich im Zusam­men­hang mit Bit­co­ins und ande­ren Cyber­wäh­run­gen viel­fäl­ti­ge recht­li­che Fra­gen stel­len. Die­se Fra­gen gehen teil­wei­se über das Finanz­markt­recht hin­aus. Sie betref­fen ins­be­son­de­re auch Aspek­te des all­ge­mei­nen Pri­vat­rechts und des öffent­li­chen Rechts. Da Block­chain-Trans­ak­tio­nen zudem regel­mä­ssig grenz­über­schrei­tend erfol­gen, sind auch inter­na­tio­nal-pri­vat­recht­li­che Impli­ka­tio­nen zu berück­sich­ti­gen. Die in der Inter­pel­la­ti­on her­vor­ge­ho­be­nen Fra­gen zur (privat-)rechtlichen Behand­lung der Über­tra­gung von Coins/Tokens und die kon­kurs­recht­li­che Behand­lung von Pri­va­te Keys, die Zugang zu Coins/Tokens erlau­ben, sind ledig­lich zwei Bei­spie­le zen­tra­ler Fra­gen im Zusam­men­hang mit Kryp­towäh­run­gen. Die­se Fra­gen zei­gen, dass die Ver­wen­dung der Block­chain-Tech­no­lo­gie bzw. von Kryp­towäh­run­gen neben Chan­cen auch viel­fäl­ti­ge Risi­ken birgt. Vor die­sem Hin­ter­grund beab­sich­tigt der Bun­des­rat zusätz­lich zu den bereits lau­fen­den Arbei­ten die auf­ge­wor­fe­nen (und wei­te­re) Fra­gen aus den Berei­chen des Finanz­markt­rechts, aber auch dar­über hin­aus, ver­tieft zu ana­ly­sie­ren. Die­se wer­den u.a. im Rah­men der vom Bun­des­rat in sei­ner Stel­lung­nah­me zur Moti­on Béglé (17.3818) erwähn­ten Arbeits­grup­pe unter der Lei­tung des Eid­ge­nös­si­schen Finanz­de­par­te­ments durch­ge­führt. Die­se Arbeits­grup­pe wird auch die Bran­che ein­be­zie­hen.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.