Moti­on Brand (16.3255): Effi­zi­en­ter Daten­aus­tausch statt teu­re Büro­kra­tie
Moti­on noch nicht behan­delt.

Eingereichter Text

a. die vom Gesetz vor­ge­se­he­ne Über­prü­fung der Ver­si­che­rungs­pflicht durch die kan­to­na­len bzw. kom­mu­na­len Behör­den sowie

b. der Daten­aus­tausch zwi­schen Ein­woh­ner­dien­sten und Kran­ken­ver­si­che­rern admi­ni­stra­tiv erleich­tert wird. 

Begründung

a. Es sind i. d. R. die Gemein­den, wel­che das Obli­ga­to­ri­um gemäss Arti­kel 6 KVG über­prü­fen müs­sen. Um unnö­ti­gen Schrift­ver­kehr und teu­re Büro­kra­tie zu ver­mei­den, hat sich aus Sicht der Gemein­den ein Online-Abfra­ge-System der SASIS AG bewährt. Die­ser Dienst stellt eine tages­ak­tu­el­le Infor­ma­ti­on bereit, ob eine Per­son ver­si­chert ist oder nicht. Abge­fragt wird mit der AHV-Ver­si­che­rungs­num­mer, wel­che sowohl in den Ein­woh­ner­re­gi­stern als auch bei den Kran­ken­ver­si­che­rern geführt wird. Eine Dritt­par­tei rekla­miert, dass die nütz­li­chen Online-Abfra­gen daten­schutz­recht­lich nicht genü­gend abge­stützt sei­en und ver­langt eine Sper­re die­ses Zugangs. Sol­che Anfra­gen müss­ten per schrift­li­chem Brief­ver­kehr erfol­gen. Der Ver­band der Schwei­ze­ri­schen Ein­woh­ner­dien­ste (VSED) hat den zustän­di­gen Bun­des­rat mit Schrei­ben vom 4. Dezem­ber 2015 gebe­ten, aktiv zu wer­den, damit die elek­tro­ni­sche Adress­ab­fra­ge wei­ter­hin betrie­ben wer­den kann.

b. Die Ein­woh­ner­dien­ste ver­fü­gen über eine sehr gute Adress­qua­li­tät bezüg­lich Ein­woh­ner. Bei unzu­stell­ba­ren Prä­mi­en­rech­nun­gen etc. gelan­gen die Kran­ken­ver­si­che­rer des­halb oft an sie. Dies gene­riert beträcht­li­chen Auf­wand. Die recht­li­che Grund­la­ge für die Adress­an­fra­gen fin­det sich im Bun­des­ge­setz über den All­ge­mei­nen Teil des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts. Gemäss Arti­kel 32 sind die Ein­woh­ner­dien­ste zur Amts- und Ver­wal­tungs­hil­fe ver­pflich­tet. Bei Kran­ken­ver­si­che­rern betrifft dies sämt­li­che Anfra­gen im Zusam­men­hang mit dem KVG. Die bestehen­de Rechts­grund­la­ge wird den heu­ti­gen und künf­ti­gen Anfor­de­run­gen nicht mehr gerecht. Das ATSG lässt – wört­lich inter­pre­tiert – nur schrift­li­che und begrün­de­te Anfra­gen zu. Eine stan­dar­di­sier­te, zeit­ge­mä­sse elek­tro­ni­sche Abfra­ge bzw. ein struk­tu­rier­ter Adress­aus­tausch unter berech­tig­ten Nut­zern las­sen sich auf Jah­re hin­aus nicht rea­li­sie­ren. Ich bit­te den Bun­des­rat, im Sin­ne des VSED rasch tätig zu wer­den: All­fäl­li­ge recht­li­che Unsi­cher­hei­ten sol­len beho­ben wer­den. Alter­na­tiv wäre bei a. und b. zu begrün­den, dass eine Geset­zes­än­de­rung nicht not­wen­dig ist.

Stellungnahme des Bundesrats

a. Wenn die Gemein­den wis­sen möch­ten, ob eine Per­son ver­si­chert ist oder nicht, so sind sie ver­pflich­tet, die­se Infor­ma­ti­on bei der ver­si­cher­ten Per­son selbst ein­zu­ho­len. Das vom Motio­när beschrie­be­ne Online-Abfra­ge-System ist nicht geset­zes­kon­form. Für den in der Moti­on beschrie­be­nen Zweck ist die SASIS AG nicht zur Ver­wen­dung der AHV-Ver­si­cher­ten­num­mer berech­tigt. Sie müss­te mit der Durch­füh­rung, der Kon­trol­le oder der Beauf­sich­ti­gung der Durch­füh­rung des Kran­ken­ver­si­che­rungs­ge­set­zes betraut wer­den (Art. 83 KVG; SR 832.10). Die in der Moti­on gewünsch­te Ände­rung wür­de zudem eine grund­sätz­li­che Revi­si­on von Arti­kel 84a Absatz 1 Buch­sta­be h KVG bedin­gen und den Daten­schutz in die­sem Bereich auf­wei­chen. Dies erach­tet der Bun­des­rat als unver­hält­nis­mä­ssig. Zudem wäre es sach­fremd, eine pri­va­te Gesell­schaft, die zudem noch die Toch­ter­ge­sell­schaft eines der Ver­si­che­rer­ver­bän­de ist, gesetz­lich zu ver­pflich­ten.

b. Gemäss Arti­kel 32 des Bun­des­ge­set­zes über den all­ge­mei­nen Teil des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts (ATSG; SR 830.1) sind die Ein­woh­ner­dien­ste zur Amts- und Ver­wal­tungs­hil­fe ver­pflich­tet; aber die Anfra­gen müs­sen schrift­lich und begrün­det sein. Für eine stan­dar­di­sier­te elek­tro­ni­sche Abfra­ge bzw. für einen struk­tu­rier­ten Adress­aus­tausch fehlt die gesetz­li­che Grund­la­ge. Wenn die Kran­ken­ver­si­che­rer Adress­an­fra­gen an die Ein­woh­ner­dien­ste der Gemein­den haben, so ist der vor­ge­se­he­ne Weg der Amts- und Ver­wal­tungs­hil­fe (Art. 32 ATSG) ein­zu­hal­ten. Es gilt der Grund­satz der Schwei­ge­pflicht nach Arti­kel 33 ATSG. Anfra­gen dür­fen im Ein­zel­fall schrift­lich und begrün­det beant­wor­tet wer­den. Bei der aktu­ell vor­ge­se­he­nen Revi­si­on des ATSG will man von die­sem Grund­satz nicht abwei­chen. In eini­gen Ein­zel­fäl­len hat der Gesetz­ge­ber in den ent­spre­chen­den Spe­zi­al­ge­set­zen eine gesetz­li­che Grund­la­ge im Sin­ne von Arti­kel 19 Absatz 3 des Bun­des­ge­set­zes über den Daten­schutz (DSG; SR 235.1) zuge­las­sen. Zur Umset­zung der Moti­on müss­te nicht die sehr all­ge­mei­ne Norm von Arti­kel 32 ATSG ange­passt wer­den, son­dern es müss­te viel­mehr im mass­ge­ben­den Spe­zi­al­ge­setz, dem KVG, eine ent­spre­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge vor­ge­se­hen wer­den. Eine Anpas­sung von Arti­kel 32 ATSG allei­ne wür­de auch diver­se ande­re Situa­tio­nen betref­fen, in denen der Bun­des­rat das Abruf­ver­fah­ren im Sin­ne von Arti­kel 19 Absatz 3 DSG nicht zulas­sen will.

Bei den Adress­an­fra­gen der Kran­ken­ver­si­che­rer bei den Ein­woh­ner­dien­sten der Gemein­den hat der Gesetz­ge­ber bis­her an den Kri­te­ri­en “im Ein­zel­fall und auf schrift­li­ches begrün­de­tes Gesuch hin” fest­ge­hal­ten, um den Schutz der Daten mög­lichst hoch zu hal­ten. Auch bei Revi­sio­nen von Arti­kel 84a KVG wur­de noch 2012 dar­an fest­ge­hal­ten, dass die Daten nur “im Ein­zel­fall und auf schrift­lich begrün­de­tes Gesuch hin” bekannt gege­ben wer­den dür­fen.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.