Moti­on Hum­bel (18.3650): Erhö­hung der Pati­en­ten­si­cher­heit mit elek­tro­ni­scher Doku­men­ta­ti­on und elek­tro­ni­schem Aus­tausch von medi­zi­ni­schen Daten

Eingereichter Text

Der Bun­des­rat wird beauf­tragt, dem Par­la­ment eine gesetz­li­che Grund­la­ge zu unter­brei­ten, die vor­sieht, dass sowohl die medi­zi­ni­schen Pati­en­ten­do­ku­men­ta­tio­nen elek­tro­nisch struk­tu­riert geführt wird sowie für die Behand­lung rele­van­te Doku­men­te wie Rezep­te, Über­wei­sun­gen und Unter­su­chungs­be­rich­te elek­tro­nisch in struk­tu­rier­ter Form über­mit­telt wer­den.

Begründung

Der Bericht der Exper­ten­grup­pe “Kosten­dämp­fungs­mass­nah­men zur Ent­la­stung der obli­ga­to­ri­schen Kran­ken­pfle­ge­ver­si­che­rung” sieht mit Mass­nah­me 38 die Auf­he­bung der dop­pel­ten Frei­wil­lig­keit bezüg­lich der Nut­zung des elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­dos­siers vor. Unab­hän­gig davon, ob das EPD für Ärz­te ver­pflich­tend wird oder nicht, muss für Lei­stungs­er­brin­ger die Ver­pflich­tung geschaf­fen wer­den, Pati­en­ten­do­ku­men­ta­tio­nen elek­tro­nisch zu füh­ren und für die Behand­lung rele­van­te Daten elek­tro­nisch aus­zu­tau­schen. Für die Codie­rung und Struk­tu­rie­rung sind mög­lichst inter­na­tio­na­le gebräuch­li­che Nor­men anzu­wen­den.

Die Ver­pflich­tung zur Füh­rung einer elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­do­ku­men­ta­ti­on bezieht sich ein­zig auf das Füh­ren einer elek­tro­ni­schen Kran­ken­ge­schich­te in einem so genann­ten Pri­mär­sy­stem wie z. B. einem Pra­xis­in­for­ma­ti­ons­sy­stem. Sie bil­det die Basis für eine koor­di­nier­te Ver­sor­gung und schafft die tech­ni­sche Vor­aus­set­zung zur elek­tro­ni­schen Ver­net­zung des ambu­lan­ten Sek­tors. Es wird die Mög­lich­keit geschaf­fen, dass das EPD über­haupt ein­ge­setzt wer­den kann.

Der Wech­sel von hand­schrift­li­chen zu elek­tro­ni­schen Daten erhöht die Effi­zi­enz und Qua­li­tät der Lei­stungs­er­brin­gung, lei­stet einen Bei­trag an die Pati­en­ten­si­cher­heit und dämpft die Kosten. Inef­fi­zi­en­zen wie dop­pel­tes Erfas­sen glei­cher Daten, Rück­fra­gen bei unle­ser­li­cher Schrift oder dar­aus resul­tie­ren­de Feh­ler bei der Medi­ka­ti­on las­sen sich ver­mei­den. Auch das Recht der Pati­en­tin­nen Pati­en­ten, eine Kopie der Kran­ken­ge­schich­te zu erhal­ten, kann ein­fa­cher gewähr­lei­stet wer­den. Mit der Umset­zung der Moti­on kann das Ziel des Bun­des­rats der Stra­te­gie Gesund­heit 2020 erreicht wer­den, Medi­ka­ti­ons­feh­ler zu ver­mei­den und die Pati­en­ten­si­cher­heit zu gewähr­lei­sten.

Elek­tro­ni­sche Kran­ken­ge­schich­ten sowie der elek­tro­ni­sche Aus­tausch rele­van­ter Pati­en­ten­da­ten lei­sten einen Bei­trag an die Qua­li­täts­si­che­rung, die gemäss KVG Arti­kel 58 vor­ge­schrie­ben ist und mit der KVG-Revi­si­on “Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit” ver­bind­lich durch­ge­setzt wird.

Stellungnahme des Bundesrats vom 5.9.18

Das schwei­ze­ri­sche Gesund­heits­we­sen ist im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern in gerin­gem Aus­mass digi­ta­li­siert. Dies betrifft ins­be­son­de­re den ambu­lant-ärzt­li­chen Bereich. Ledig­lich 35 Pro­zent der Arzt­pra­xen füh­ren die Behand­lungs­do­ku­men­ta­ti­on voll­stän­dig elek­tro­nisch. Dies ist inso­fern pro­ble­ma­tisch, als die Digi­ta­li­sie­rung im ambu­lan­ten Umfeld zur Erhö­hung der Behand­lungs­qua­li­tät bei­tra­gen soll. In einer 2015 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die für die Schweiz gaben 57 Pro­zent aller elek­tro­nisch doku­men­tie­ren­den Ärz­tin­nen und Ärz­te an, dass sich die Qua­li­tät ihrer Arbeit mit der Digi­ta­li­sie­rung der Pra­xis erhöh­te (Sima Dja­la­li et al, Undi­rec­ted health IT imple­men­ta­ti­on in ambu­la­to­ry care favors paper-based work­arounds and limits health data exchan­ge, in Inter­na­tio­nal Jour­nal of Medi­cal Infor­ma­tics, 2015). Ande­re Län­der haben vor Jah­ren die Ärz­te und Ärz­tin­nen ver­pflich­tet, die Behand­lung digi­tal zu doku­men­tie­ren (z. B.: Schwe­den, Kana­da). Eine Eva­lua­ti­ons-Stu­die zum Nut­zen der digi­ta­len Gesund­heits­in­for­ma­ti­on aus Kana­da zeigt posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen hin­sicht­lich Qua­li­tät, Zugang und Pro­duk­ti­vi­tät (Gart­ner: Con­nec­ted Health Infor­ma­ti­on in Cana­da: A Bene­fits Eva­lua­ti­on Stu­dy, Report Pre­pa­red for Cana­da Health Info­way, April 2018).

Die Ziel­set­zung der Moti­on stimmt mit den gesund­heits­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten des Bun­des­ra­tes über­ein, die Qua­li­tät der Lei­stun­gen und der Ver­sor­gung zu för­dern, indem ins­be­son­de­re eHe­alth gestärkt wird (Stra­te­gie Gesund­heit 2020 vom 23. Janu­ar 2013). Aus der Stra­te­gie Gesund­heit 2020 lei­tet sich die gemein­sa­me Stra­te­gie des Bun­des und der Kan­to­ne eHe­alth Schweiz 2.0 vom 1. März 2018 ab, wel­che ins­be­son­de­re die Ein­füh­rung und akti­ve För­de­rung des elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­dos­siers vor­an­treibt. Die Kan­to­ne sind somit in die lau­fen­den Arbei­ten im Bereich der Digi­ta­li­sie­rung des Gesund­heits­we­sens aktiv ein­ge­bun­den.

Die Sorg­falts­pflicht der medi­zi­ni­schen Fach­per­so­nen gemäss Arti­kel 40 Buch­sta­be a des Bun­des­ge­set­zes vom 23. Juni 2006 über die uni­ver­si­tä­ren Medi­zi­nal­be­ru­fe (MedBG; SR 811.11) umfasst auch die Pflicht zur Doku­men­ta­ti­on und zum Füh­ren einer Krank­heits­ge­schich­te. Sie dient dem Schutz der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und ist gesund­heits­po­li­zei­lich moti­viert. Gesund­heits­po­li­zei­li­che Vor­schrif­ten lie­gen auf­grund der ver­fas­sungs­mä­ssi­gen Kom­pe­tenz­auf­tei­lung im Zustän­dig­keits­be­reich der Kan­to­ne (Art. 3 Bun­des­ver­fas­sung vom 18. April 1999 der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft; SR 101). Dem­entspre­chend haben die Kan­to­ne die Behand­lungs­do­ku­men­ta­ti­on bereits ver­schie­dent­lich gere­gelt. Es obliegt dar­um den Kan­to­nen, die in der Stra­te­gie eHe­alth Schweiz 2.0 vor­an­ge­trie­be­ne Digi­ta­li­sie­rung in ihr eige­nes Recht zu über­füh­ren.

Die­se Stoss­rich­tun­gen kön­nen kran­ken­ver­si­che­rungs­recht­lich mit der Vor­la­ge zur Teil­re­vi­si­on des Bun­des­ge­set­zes über die Kran­ken­ver­si­che­rung betref­fend der Zulas­sung von Lei­stungs­er­brin­gern (18.047) ergänzt wer­den, wel­che zur Zeit im Par­la­ment bera­ten wird. So soll der Bun­des­rat in Zukunft im ambu­lan­ten Bereich Auf­la­gen erlas­sen, ins­be­son­de­re in Bezug auf die Qua­li­tät und die Wirt­schaft­lich­keit. Ein mög­li­ches Ele­ment des Qua­li­täts­ma­nage­ments könn­te hier­bei die elek­tro­nisch geführ­te Kran­ken­ge­schich­te sein.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.