Moti­on Lev­rat (16.4082): Den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den den Zugang zu Daten von sozia­len Netz­wer­ken erleich­tern

Eingereichter Text

Der Bun­des­rat wird beauf­tragt, eine Ände­rung des Bun­des­ge­set­zes über den Daten­schutz, des Fern­mel­de­ge­set­zes oder eines ande­ren geeig­ne­ten Geset­zes mit fol­gen­dem Anspruch aus­zu­ar­bei­ten: Sozia­le Netz­wer­ke, die sich mit ihren Dienst­lei­stun­gen an Schwei­zer Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten rich­ten und dabei Per­so­nen­da­ten bear­bei­ten, sol­len in der Schweiz über eine Ver­tre­tung ver­fü­gen, die den schwei­ze­ri­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den die für das Ver­fah­ren erfor­der­li­chen Daten direkt über­mit­teln kann, ohne dass die betref­fen­de Behör­de inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen bean­tra­gen muss.

Begründung

In sei­nem Bericht in Beant­wor­tung des Postu­la­tes 11.3912 äusser­te sich der Bun­des­rat zu den sozia­len Net­zen wie folgt: “Auf­grund bis­he­ri­ger Erfah­run­gen sprin­gen im gel­ten­den schwei­ze­ri­schen Recht kei­ne grö­sse­ren Rege­lungs­lücken ins Auge.” Lei­der zeigt die Recht­spre­chung in jüng­ster Zeit, dass sich die Situa­ti­on geän­dert hat. Im Bun­des­ge­richts­ent­scheid 1B_185/2016, 1B_186/2016 und 1B_188/2016 vom 16. Novem­ber 2016 gab das Bun­des­ge­richt Face­book Schweiz zuun­gun­sten der Waadt­län­der Staats­an­walt­schaft Recht, wel­che die Her­aus­ga­be von Per­so­nen­da­ten von Use­rin­nen und Usern im Rah­men eines Straf­ver­fah­rens ver­langt hat­te. Face­book Schweiz ist in der Tat nur für Mar­ke­ting­fra­gen zustän­dig, ver­fügt über kei­ne Daten und hat auch kei­nen Zugang dazu. Die Staats­an­walt­schaft muss sich dar­um mit­tels eines inter­na­tio­na­len Rechts­hil­fe­er­su­chens an Face­book Irland wen­den (Face­book Irland ver­fügt über die Daten der Schwei­zer Use­rin­nen und User). Dies ist ein lang­wie­ri­ges und müh­sa­mes Ver­fah­ren mit unge­wis­sem Aus­gang.

Die­se Situa­ti­on ist unbe­frie­di­gend. Sozia­le Netz­wer­ke wie Face­book, die Schwei­zer Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten ihre Dienst­lei­stun­gen anbie­ten, sind in der Schweiz aktiv, ohne hier über eine Zweig­stel­le zu ver­fü­gen. Sie müs­sen dar­um zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den kön­nen bzw. mit der Justiz zusam­men­ar­bei­ten wie jede ande­re natür­li­che oder juri­sti­sche Per­son auch.

Das Ver­fah­ren, das Bel­gi­en gegen Yahoo Inc. führ­te und gewann (vgl. Urteil des bel­gi­schen Kas­sa­ti­ons­ge­rich­tes vom 1. Dezem­ber 2015), zeigt, dass es durch­aus mög­lich ist, Anbie­ter von Inter­net­dienst­lei­stun­gen dazu zu ver­pflich­ten, mit der natio­na­len Justiz zusam­men­zu­ar­bei­ten, auch in Staa­ten, in denen sie kei­ne Ver­tre­tung haben, oder – wie im Fall Face­book Schweiz gegen die Waadt­län­der Staats­an­walt­schaft – auch wenn die Ver­tre­tung nicht Zugang zu den Daten der Use­rin­nen und User hat.

Stellungnahme des Bundesrats vom 15.2.2018

Die Moti­on ver­langt, dass inter­na­tio­nal täti­ge Soci­al-Media-Unter­neh­men über eine Ver­tre­tung in der Schweiz ver­fü­gen müs­sen, wenn sie Dienst­lei­stun­gen für Schwei­zer Kon­su­men­ten anbie­ten und deren Per­so­nen­da­ten bear­bei­ten. Die­se Ver­tre­tung soll den schwei­ze­ri­schen Behör­den in Straf­ver­fah­ren Daten lie­fern kön­nen, ohne dass ein Rechts­hil­fe­er­su­chen an einen ande­ren Staat not­wen­dig wäre.

Für ein Modell, wie es die Moti­on vor­schlägt, feh­len soweit ersicht­lich Vor­bil­der in ande­ren Län­dern. Der in der Moti­on erwähn­te bel­gi­sche Fall ist nicht auf das Anlie­gen des Vor­sto­sses über­trag­bar: Das Ersu­chen wur­de näm­lich von den bel­gi­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den direkt an Yahoo! Inc. (USA) geschickt, da das Unter­neh­men in Bel­gi­en kei­ne Ver­tre­tung hat­te. In einem ande­ren Fall konn­te Micro­soft Cor­po­ra­ti­on (USA) von den ame­ri­ka­ni­schen Behör­den wegen der Ter­ri­to­ria­li­tät der Geset­ze nicht dazu ver­pflich­tet wer­den, in Irland gespei­cher­te E-Mails her­aus­zu­ge­ben. Aller­dings wird im sel­ben Gerichts­ent­scheid ange­merkt, die­se Situa­ti­on sei unbe­frie­di­gend.

Der Bun­des­rat hält die aktu­el­le Situa­ti­on auch für unbe­frie­di­gend und sucht nach prak­ti­ka­blen und justi­zia­blen Lösun­gen. Den von der Moti­on vor­ge­schla­ge­nen Weg hält er aller­dings für nicht erfolg­ver­spre­chend: Die Ver­pflich­tung, dass ein Unter­neh­men, des­sen Soci­al-Media-Ange­bot auch von der Schweiz aus genutzt wer­den kann, eine Ver­tre­tung in unse­rem Lan­de eta­blie­ren müss­te, könn­te kaum durch­ge­setzt wer­den. Hin­zu kommt, dass zwar ein Soci­al-Media-Unter­neh­men mit einer Ver­tre­tung in der Schweiz ver­pflich­tet wer­den könn­te, Daten gege­be­nen­falls her­aus­zu­ge­ben. Soll­ten die Daten aber im Aus­land gespei­chert sein, lie­sse sich eine sol­che Ver­pflich­tung hoheit­lich nicht direkt durch­set­zen. Auch in die­sem Fall müss­ten die Daten mit­tels Rechts­hil­fe ein­ge­for­dert wer­den.

Ent­spre­chend der grenz­über­schrei­ten­den Aus­rich­tung von Soci­al Media müs­sen Lösun­gen in erster Linie im Rah­men inter­na­tio­na­ler Koope­ra­ti­on gesucht wer­den. Es geht nicht dar­um, die Rechts­hil­fe ein­sei­tig zu umge­hen, son­dern anzu­stre­ben, die Koope­ra­ti­on zu ver­bes­sern und zu beschleu­ni­gen. Auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne sind ent­spre­chen­de Bestre­bun­gen im Gan­ge. Das Cyber­crime-Komi­tee des Euro­pa­ra­tes, wel­chem auch Län­der wie die USA, Japan, Kana­da oder Austra­li­en ange­hö­ren, arbei­tet an Vor­schlä­gen, damit Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den innert nütz­li­cher Frist an elek­tro­ni­sche Rand- oder Ver­kehrs­da­ten im Aus­land gelan­gen kön­nen. Die Schweiz wirkt zusam­men mit ande­ren Ver­trags­staa­ten mit Nach­druck dar­auf hin, im Rah­men der Cyber­crime-Kon­ven­ti­on eine pra­xis­ge­rech­te Lösung zu errei­chen.

Der Bun­des­rat ist somit bereits dar­an, Mass­nah­men für eine schnel­le­re Daten­her­aus­ga­be ergeb­nis­of­fen zu prü­fen und dabei die Grund­sät­ze der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät und Ter­ri­to­ria­li­tät sowie der Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen und des Daten­schut­zes sorg­fäl­tig zu berück­sich­ti­gen.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.