Eingereichter Text

Gestützt auf Arti­kel 160 Absatz 1 der Bun­des­ver­fas­sung und Arti­kel 107 des Par­la­ments­ge­set­zes rei­che ich fol­gen­de par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ve ein:

Arti­kel 293 StGB (Ver­öf­fent­li­chung amt­li­cher gehei­mer Ver­hand­lun­gen) ist auf­zu­he­ben.

Begründung

Der seit Jahr­zehn­ten umstrit­te­ne Arti­kel 293 StGB schränkt die Medi­en­frei­heit ein, steht in Wider­spruch zu Arti­kel 10 EMRK (Mei­nungs­äu­sse­rungs­frei­heit) und zu dem auf die­sem bau­en­den Good­win-Ent­scheid des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 27. März 1996 (Infor­man­ten­schutz). In einem Bericht über ver­schie­de­ne Ver­fah­ren gegen Medi­en­schaf­fen­de und einen kri­ti­schen Brief der OSZE hielt die “NZZ” vom 4. Febru­ar 2006 unter dem Titel “Stra­fe für den Über­brin­ger der Nach­richt” fest: “Bis heu­te ist kein nam­haf­ter Medi­en- oder Straf­recht­ler zu ver­neh­men, der sich für die Bei­be­hal­tung der Straf­norm aus­spricht.”

Der Bun­des­rat sel­ber hat­te in sei­ner Bot­schaft über die Ände­rung des StGB und des MStG vom 17. Juni 1996 die Auf­he­bung von Arti­kel 293 StGB mit fol­gen­den Argu­men­ten begrün­det: “Arti­kel 293 schützt nur for­mel­le Geheim­nis­se, also Tat­sa­chen, die durch das Gesetz oder einen ein­fa­chen Beschluss geheim erklärt wor­den sind. Auch erscheint es sto­ssend, dass der Drit­te, wel­cher das Geheim­nis wei­ter­ver­brei­tet hat, ver­ur­teilt wird, wäh­rend der Beam­te oder Par­la­men­ta­ri­er, der das Geheim­nis gebro­chen hat, oft der Straf­ver­fol­gung ent­geht … bei eigent­li­chen Staats­ge­heim­nis­sen und mili­tä­ri­schen Geheim­nis­sen … sieht das gel­ten­de Recht, unab­hän­gig von Arti­kel 293 StGB, ohne­hin einen dop­pel­ten Schutz vor.” Obwohl die Mehr­heit der Natio­nal­rats­kom­mis­si­on dem Bun­des­rat folg­te, schei­ter­te die Auf­he­bung im Natio­nal­rat (19. März 1997) und im Stän­de­rat (12. Juni 1997) – aller­dings äusserst knapp.

Am 18. August 2011 sprach das Bun­des­straf­ge­richt einen Jour­na­li­sten des “Sonn­tag” frei mit der Begrün­dung, dass das von ihm an die Öffent­lich­keit gebrach­te Geheim­nis von gerin­ger Bedeu­tung sei. Das Fed­pol-Doku­ment zum Fall Ramos sei zu Unrecht als geheim klas­si­fi­ziert wor­den. So erfreu­lich die­ser Frei­spruch war, so uner­freu­lich bleibt, dass der Rich­ter einer grund­sätz­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit Arti­kel 293 StGB aus­wich. Es liegt am Gesetz­ge­ber, den vom dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Arnold Kol­ler als “alten Zopf” bezeich­ne­ten Arti­kel auf­zu­he­ben.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.