Der EGMR hat im Urteil 61838/10 vom 18. Okto­ber 2016 gegen die Schweiz ent­schie­den. Die Beschwer­de beim EGMR betraf das Urteil 8C_629/2009, das bei der Prü­fung eines Ver­si­che­rungs­an­spruchs gegen die Zürich Ver­si­che­rung die Ver­wer­tung eines Obser­va­ti­ons­be­richts und von Video­ma­te­ri­al zuge­las­sen hat­te. Das Urteil stütz­te sich direkt auf den Leit­ent­scheid BGE 135 I 169. Dar­in war das BGer zum fol­gen­den Schluss gekom­men:

Zusam­men­fas­send ist fest­zu­hal­ten, dass die Anord­nung einer Über­wa­chung ver­si­cher­ter Per­so­nen durch die Unfall­ver­si­che­rung in dem in E. 4.3 umris­se­nen Rah­men zuläs­sig ist; die Obser­va­ti­ons­er­geb­nis­se kön­nen somit für die Beur­tei­lung der strei­ti­gen Fra­gen grund­sätz­lich ver­wen­det wer­den. […] Beweis­wert kann den Auf­zeich­nun­gen und Berich­ten der Pri­vat­de­tek­ti­ve indes­sen nur inso­weit zukom­men, als sie Tätig­kei­ten und Hand­lun­gen auf­zei­gen, wel­che die ver­si­cher­te Per­son ohne Ein­fluss­nah­me der obser­vie­ren­den Per­so­nen aus­ge­übt hat. […]

Der EGMR kommt dage­gen zum Ergeb­nis, dass die Über­wa­chung ver­si­cher­ter Per­so­nen und die Auf­zeich­nung von Video­ma­te­ri­al in den geschütz­ten Pri­vat- und Fami­li­en­be­reich (Art. 8 EMRK) ein­greift, und dass eine Recht­fer­ti­gung durch Gesetz (Art. 8 Abs. 2 EMRK) vor­lie­gend schei­tert, weil die anwend­ba­ren Rechts­grund­la­gen im ATSG und im UVG weder aus­rei­chend klar sind noch genü­gen­den Schutz vor Miss­bräu­chen bie­ten:

  • Der Begriff des “Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens” in Art. 8 EMRK ist weit aus­zu­le­gen. Er umfasst auch einen Grenz­be­reich der Inter­ak­ti­on mit ande­ren Per­so­nen, sogar im öffent­li­chen Raum. Das Schutz­gut von Art. 8 EMRK, die unge­stör­te Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit des Ein­zel­nen in sei­ner Bezie­hung zu ande­ren, kann dem­nach durch Mass­nah­men ausser­halb der Pri­vat­räu­me beein­träch­tigt wer­den.
  • Vor dem Hin­ter­grund der Recht­spre­chung des EMRK stellt die syste­ma­ti­sche Beob­ach­tung und Doku­men­ta­ti­on der Beschwer­de­füh­re­rin durch den Ver­si­che­rer eine Ein­schrän­kung ihres geschütz­ten Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens dar.
  • Eine Recht­fer­ti­gung durch Gesetz i.S.v. Art. 8 Abs. 2 EMRK kommt nur in Betracht, wenn die gesetz­li­che Grund­la­ge u.a. aus­rei­chend klar und ihre Fol­gen vor­her­seh­bar sind. Im Zusam­men­hang mit Über­wa­chungs­tä­tig­kei­ten heisst dies zwar nicht, dass die Über­wa­chung so genau vor­her­seh­bar sind, dass der Ein­zel­ne sein Ver­hal­ten ent­spre­chend anpas­sen kann. Die Rechts­grund­la­ge muss aber so klar sein, dass der Ein­zel­ne die Umstän­de und Vor­aus­set­zun­gen der Über­wa­chung ange­mes­sen ein­schät­zen kön­nen. Fer­ner muss das Gesetz aus­rei­chend gegen Miss­bräu­che schüt­zen.
  • Vor­lie­gend stütz­te sich der Ein­satz von Detek­ti­ven auf Art. 28 Abs. 2 und 43 ATSG i.V.m. Art. 96 lit. b UVG. Die­se Bestim­mun­gen ver­pflich­te den Ver­si­cher­ten zur Mit­wir­kung bei der Anspruchs­be­ur­tei­lung und sehen Abklä­run­gen durch den Ver­si­che­rer vor. Sie sind aber nicht aus­rei­chend klar, und sie sehen kei­nen aus­rei­chen­den Schutz gegen Miss­bräu­che vor.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.