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8C_723/2022: Zweck­wid­ri­ges Aus­kunfts­be­geh­ren im IV-Ver­fah­ren (Bestä­ti­gung der Rsp.)

Im einem IV-Ver­fah­ren war der Lei­stungs­an­spruch des Beschwer­de­füh­rers ver­neint wor­den. Im Ver­fah­ren vor Bun­des­ge­richt mach­te die Beschwer­de­füh­re­rin gel­tend, in for­mel­ler Hin­sicht sei­en ihr Anspruch auf recht­li­ches Gehör und die Grund­sät­ze der Waf­fen­gleich­heit und Trans­pa­renz ver­letzt wor­den, weil das Sozi­al­ver­si­che­rungs­ge­richt Zürich ihrem Antrag, es sei­en Test­ergeb­nis­se her­aus­zu­ge­ben, nicht nach­ge­kom­men wor­den. Die Gut­ach­ter­stel­le hat­te die Her­aus­ga­be ver­wei­gert, weil unkon­trol­lier­te Wei­ter­ver­brei­tung zu befürch­ten wäre – die Test­ver­fah­ren wür­den damit unbrauch­bar. Das Bun­des­ge­richt schützt die­se Argu­men­ta­ti­on in stän­di­ger Rechtsprechung.

Vor­lie­gend hat­te die Beschwer­de­füh­re­rin den Her­aus­ga­be­an­spruch aller­dings auch mit dem daten­schutz­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruch begrün­det. Das Bun­des­ge­richt weist die­sen Anspruch vor­lie­gend (Urteil 8C_723/2022) ab und bestä­tigt BGE 140 V 464:

5.3. Aus daten­schutz­recht­li­cher War­te kommt ein Her­aus­ga­be­an­spruch nur inso­weit zum Tra­gen, als er den ein­schlä­gi­gen gesetz­li­chen Ziel­set­zun­gen ent­spricht. Das Aus­kunfts­recht nach aArt. 8 des Bun­des­ge­set­zes vom 19. Juni 1992 über den Daten­schutz (neu: Art. 25 des Bun­des­ge­set­zes vom 25. Sep­tem­ber 2020 über den Daten­schutz […]) ist dazu bestimmt, die betrof­fe­ne Per­son in die Lage zu ver­set­zen, ihre übri­gen Daten­schutz­rech­te wahr­zu­neh­men (BGE 140 V 464 E. 4.2; 139 V 492 E. 3.2; je mit Hin­wei­sen). Die Beschwer­de­füh­re­rin beab­sich­tigt nach eige­nen Anga­ben, anhand der Beschwer­de­va­li­die­rungs­da­ten zu bewei­sen, dass sie “tat­säch­lich, wie von ihren (behan­deln­den) Ärz­ten dar­ge­legt, in ihrer Arbeits­fä­hig­keit mas­siv ein­ge­schränkt ist”. Ihrem Begeh­ren liegt somit aus­schliess­lich die Ver­fol­gung respek­ti­ve Durch­set­zung eines sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Anspruchs zugrun­de. Nach­dem die­se Ziel­set­zung offen­kun­dig nicht mit der­je­ni­gen des DSG über­ein­stimmt (vgl. dazu fer­ner: Art. 26 Abs. 1 lit. c DSG), fällt eine Beru­fung auf das daten­schutz­recht­li­che Aus­kunfts­recht ausser Betracht. Dar­an ändern, soweit im hier inter­es­sie­ren­den Kon­text über­haupt ver­bind­lich, die in der Beschwer­de zitier­ten Pas­sa­gen aus dem Leit­fa­den des Eid­ge­nös­si­schen Daten­schutz- und Öffent­lich­keits­be­auf­trag­ten (EDÖB) für die Bear­bei­tung von Per­son­den­da­ten im medi­zi­ni­schen Bereich vom Juli 2002 nichts.

Damit bestä­tigt das Bun­des­ge­richt auch, dass die Rechts­miss­bräuch­lich­keit eines Aus­kunfts­be­geh­rens – bspw. wegen Zweck­wid­rig­keit – von Amtes wegen zu berück­sich­ti­gen ist. Jeden­falls war die Fra­ge, ob die Test­ver­fah­ren offen­zu­le­gen sind, von der Vor­in­stanz als irrele­vant ein­ge­stuft wor­den, und es scheint nicht so, als wäre ein Rechts­miss­brauchs­ein­wand erho­ben worden.

Bei der Anwen­dung des Rechts­miss­brauchs­ver­bots obliegt es zwar den Par­tei­en, den mass­geb­li­chen Sach­ver­halt zu behaup­ten und ggf. zu bewei­sen (soweit nicht der Unter­su­chungs­grund­satz gilt); ergibt sich aus dem erstell­ten Sach­ver­halt die Rechts­miss­bräuch­lich­keit, ist sie aber von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen. Dazu Hausheer/Jaun, SHK-Ein­lei­tungs­ar­ti­kel, Art. 2 N 91:

Art. 2 Abs. 2 ZGB ist objek­ti­ves zwin­gen­des Recht. Er ver­pflich­tet den Rich­ter, rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten von Amtes wegen zu berück­sich­ti­gen, “wenn die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen von einer Par­tei in der vom Pro­zess­recht vor­ge­schrie­be­nen Wei­se vor­ge­tra­gen wor­den sind und fest­ste­hen”. Es gilt der Grund­satz “iura novit curia”; eine beson­de­re Ein­re­de oder Ein­wen­dung ist nicht erforderlich.

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