Anfra­ge Hutter (04.1064): Wei­ter­ga­be und Ver­wen­dung von Kun­den­da­ten durch eine über­ge­ord­ne­te Handelsstufe

Anfra­ge Hutter (04.1064): Wei­ter­ga­be und Ver­wen­dung von Kun­den­da­ten durch eine über­ge­ord­ne­te Handelsstufe

Ein­ge­reich­ter Text

Mit Schrei­ben vom 14. Janu­ar 2004 hat der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te fest­ge­stellt, dass in Bezug auf eine Mel­dung von Händ­lern einer unte­ren Han­dels­stu­fe über die Wei­ter­ga­be von Kun­den­da­ten durch die obe­re Han­dels­stu­fe kei­ne wei­te­ren Mass­nah­men erfor­der­lich sei­en, da kei­ne gra­vie­ren­de Ver­let­zung daten­schutz­recht­li­cher Vor­schrif­ten fest­stell­bar sei.

Ich fra­ge den Bundesrat:

1. Ist er der Mei­nung, dass die Wei­ter­ga­be von Kun­den­da­ten durch eine obe­re Han­dels­stu­fe in einem ver­ti­ka­len Ver­triebs­sy­stem, ohne die aus­drück­li­che Zustim­mung der Kun­den, kei­ne gra­vie­ren­de Ver­let­zung daten­schutz­recht­li­cher Bestim­mun­gen ist und kei­ne Mass­nah­men not­wen­dig sind?

2. Ist er der Mei­nung, dass eine Ver­wen­dung von Kun­den­da­ten zu ganz ande­rem Zweck als dem, für wel­chen sie an eine obe­re Han­dels­stu­fe in einem ver­ti­ka­len Ver­triebs­sy­stem wei­ter­ge­ge­ben wer­den müs­sen, kei­ne gra­vie­ren­de Ver­let­zung daten­schutz­recht­li­cher Bestim­mun­gen dar­stellt? Dies ins­be­son­de­re unter der Berück­sich­ti­gung der Tat­sa­che, dass dadurch einem selbst­stän­di­gen Unter­neh­mer Kun­den­da­ten ent­schä­di­gungs­los weg­ge­nom­men werden?

3. Ist er der Mei­nung, dass die Beant­wor­tung einer Mel­dung an den Daten­schutz­be­auf­trag­ten inner­halb von drei­ein­halb Mona­ten in einer Ange­le­gen­heit, wel­che für die Mel­der von höch­ster Bedeu­tung für das Über­le­ben ihrer Betrie­be ist, genü­gend rasch erfolgt ist?

4. Ist es aus sei­ner Sicht kor­rekt, wenn Unter­neh­men – es han­delt sich hier aus­schliess­lich um klei­ne und mitt­le­re Betrie­be – in Fra­gen von so grund­le­gen­der Bedeu­tung, wel­che ein­deu­tig in den Zustän­dig­keits­be­reich des Daten­schutz­be­auf­trag­ten fal­len, auf das Ver­fah­ren vor dem Zivil­rich­ter ver­wie­sen werden?

Stel­lung­nah­me des Bundesrats

Zur Aus­gangs­la­ge: Im Rah­men der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on sei­nes Ver­tre­tungs­net­zes infor­mier­te ein Auto­im­por­teur die Kun­den einer bis­he­ri­gen Ver­tre­tung sei­ner Auto­mar­ke dar­über, dass ihrem bis­he­ri­gen Gara­gi­sten die Mar­ken­ver­tre­tung ent­zo­gen wur­de. Gleich­zei­tig wur­de den Auto­in­ha­bern ein neu­er Mar­ken­ver­tre­ter vor­ge­schla­gen. Im glei­chen Schrei­ben wies der Auto­im­por­teur dar­auf hin, dass sich die Auto­in­ha­ber gegen die Wei­ter­ga­be ihrer Kun­den­da­ten an den neu­en Mar­ken­ver­tre­ter aus­spre­chen kön­nen. Die Fra­ge stell­te sich, ob der Auto­im­por­teur berech­tigt war, die Kun­den­da­ten sei­ner Ver­tre­tung zu ver­wen­den bzw. an eine neue Ver­tre­tung wei­ter­zu­ge­ben, bzw. ob die­ser dadurch gegen das Bun­des­ge­setz über den Daten­schutz (DSG; SR 235.1) ver­sto­ssen habe.

Der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te stell­te in sei­ner Sach­ver­halts­ab­klä­rung Fol­gen­des fest:

1. Der Gara­gist (bis­he­ri­ger Mar­ken­ver­tre­ter) hat mit Zustim­mung der betrof­fe­nen Auto­in­ha­ber deren Kun­den­da­ten für Mar­ke­ting­zwecke an den Auto­im­por­teur weitergeleitet.

2. Der Auto­im­por­teur infor­mier­te die betrof­fe­nen Auto­in­ha­ber schrift­lich über die geplan­te Wei­ter­ga­be der Kun­den­da­ten an den neu­en Mar­ken­ver­tre­ter und die Zweck­än­de­rung in der Datenbearbeitung.

3. Der Impor­teur hat den Auto­in­ha­bern die Mög­lich­keit ein­ge­räumt hat, sich der Wei­ter­ga­be ihrer Kun­den­da­ten an den neu­en Mar­ken­ver­tre­ter zu wider­set­zen. Machen die Betrof­fe­nen davon kei­nen Gebrauch, so kommt dies einer impli­zi­ten Ein­wil­li­gung zur Daten­wei­ter­ga­be gleich.

4. Die hier zu beur­tei­len­de Wei­ter­ga­be der Kun­den­da­ten durch den Impor­teur stand grund­sätz­lich im Ein­klang mit dem DSG.

5. Das DSG ver­leiht dem bis­he­ri­gen Mar­ken­ver­tre­ter kei­ne Ansprü­che an jenen Kun­den­da­ten, die die­ser daten­schutz­kon­form (d. h. mit Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen) an den Auto­im­por­teur bekannt gege­ben hat.

Zu den Fragen:

1. Nein: Das DSG stellt kei­ne beson­de­ren Form­erfor­der­nis­se an eine Ein­wil­li­gungs­er­klä­rung. Die Ein­wil­li­gung der betrof­fe­nen Per­son, z. B. für die Wei­ter­ga­be von Kun­den­da­ten, kann aus­drück­lich oder still­schwei­gend erfol­gen. Wel­chen Anfor­de­run­gen die Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen im kon­kre­ten Ein­zel­fall genü­gen muss, bestimmt sich ins­be­son­de­re nach der Sen­si­bi­li­tät der bear­bei­te­ten Per­so­nen­da­ten. Im vor­lie­gen­den Fall infor­mier­te die obe­re Han­dels­stu­fe die Kun­den über die beab­sich­tig­te Wei­ter­ga­be der Kun­den­da­ten und räum­te ihnen die Gele­gen­heit ein, sich inner­halb eines bestimm­ten Zeit­raums gegen die­se Bekannt­ga­be auszusprechen.

Bei den infra­ge ste­hen­den Kun­den­da­ten han­del­te es sich nicht um beson­ders schüt­zens­wer­te Per­so­nen­da­ten. Eine aus­drück­li­che Zustim­mung der Kun­den zur Wei­ter­ga­be ihrer Daten war dem­nach nicht not­wen­dig. Die still­schwei­gen­de Ein­wil­li­gung eines Kun­den kann zu Recht als gül­ti­ge Zustim­mung im Sin­ne des DSG gewer­tet werden.

2. Lei­tet die unte­re Han­dels­stu­fe die von ihr erho­be­nen Kun­den­da­ten daten­schutz­kon­form an die obe­re Han­dels­stu­fe wei­ter, so erwach­sen der unte­ren Han­dels­stu­fe kei­ne sich auf das DSG grün­den­de Ansprü­che, künf­tig die Daten­be­ar­bei­tung der obe­ren Han­dels­stu­fe mit­be­stim­men zu können.

Laut DSG ste­hen nur den betrof­fe­nen Per­so­nen, d. h. in die­sem Fall den Kun­den, Rech­te zur Ein­fluss­nah­me auf die Bear­bei­tung durch den Daten­be­ar­bei­ter zu. Aus daten­schutz­recht­li­cher Sicht kann also nur der Kun­de die Wei­ter­ga­be sei­ner Anga­ben an einen neu­en Ver­triebs­händ­ler unter­sa­gen, nicht aber die unte­re Han­dels­stu­fe. Mit Zustim­mung des Kun­den ist auch die Wei­ter­ga­be durch die obe­re Han­dels­stu­fe zuläs­sig, selbst wenn sie eine Ände­rung des ursprüng­li­chen Bear­bei­tungs­zwecks darstellt.

3. Die Dau­er für die Beant­wor­tung einer Anfra­ge hängt einer­seits von den im Ein­zel­fall not­wen­di­gen Sach­ver­halts­ab­klä­run­gen, ande­rer­seits vom gene­rel­len Arbeits­an­fall im Sekre­ta­ri­at des Eid­ge­nös­si­schen Daten­schutz­be­auf­trag­ten ab. Das DSG (Art. 26) sichert dem Eid­ge­nös­si­schen Daten­schutz­be­auf­trag­ten zu, dass er sei­ne Auf­ga­ben unab­hän­gig erfül­len kann. Daher äussert sich der Bun­des­rat grund­sätz­lich nicht zur Dau­er von Sach­ver­halts­ab­klä­run­gen, die der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te durchführt.

Der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te hat sei­ne Zustän­dig­keit von Beginn an aner­kannt, soweit es die daten­schutz­recht­li­chen Aspek­te der Ange­le­gen­heit betrifft. Dies zeigt sich dar­an, dass er die im DSG vor­ge­se­he­nen Sach­ver­halts­ab­klä­run­gen umge­hend ein­ge­lei­tet und eine umfas­sen­de daten­schutz­recht­li­che Beur­tei­lung vor­ge­nom­men hat.

Der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te hat zwar die Mög­lich­keit, auf­grund sei­ner Abklä­run­gen Emp­feh­lun­gen zu erlas­sen und einen Fall vor der Eid­ge­nös­si­schen Daten­schutz­kom­mis­si­on zum Ent­scheid zu brin­gen (Art. 29 Abs. 3 – 4 DSG). Der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz­be­auf­trag­te erach­te­te es im vor­lie­gen­den Fall als nicht ange­zeigt, eine Emp­feh­lung zu erlas­sen. Gemäss Arti­kel 15 DSG kön­nen aber auch die betrof­fe­nen Per­so­nen ihre Rech­te zivil­recht­lich gel­tend machen.