BGer 13Y_1/2021: Ein­sicht in Prozessakten

Nach Art. 59 Abs. 1 BGG sind Par­tei­ver­hand­lun­gen und münd­li­che Bera­tun­gen vor Bun­des­ge­richt öffent­lich. Gleich­zei­tig wer­den laut Geschäfts­be­richt gera­de ein­mal 0,6 % aller Fäl­le öffent­lich bera­ten. Die Publi­zi­tät wird in die­sen Fäl­len anders her­ge­stellt, näm­lich durch Auf­la­ge des Ent­scheid­dis­po­si­tivs (Art. 59 Abs. 3 BGG). Nach dem Regle­ment des Bun­des­ge­richts geschieht das grund­sätz­lich in nicht anony­mi­sier­ter Form (Art. 60 Abs. 3 BGerR).

Aus die­ser Pra­xis lei­te­te ein Gesuch­stel­ler die Öffent­lich­keit sämt­li­cher Bun­des­ge­richts­ent­schei­de ab und ersuch­te um Ein­sicht – zunächst in «mög­lichst alle Urtei­le des Bun­des­ge­richts aus dem Zeit­raum unge­fähr Janu­ar 2020 bis März 2020 im Ori­gi­nal», dann in jene des 3. Quar­tals 2020. Sein Inter­es­se galt, wie er beton­te, dem Urteils­dis­po­si­tiv und den Anga­ben zu den Beschwerdeführern.

Inhalt­lich stütz­te sich der Gesuch­stel­ler ins­be­son­de­re auf die Ver­ord­nung des Bun­des­ge­richts zum Archi­vie­rungs­ge­setz. Die­ser zufol­ge unter­lie­gen Pro­zess­ak­ten grund­sätz­lich einer Schutz­frist von 50 Jah­ren. Vor Ablauf die­ser Frist kön­nen sie nur ein­ge­se­hen wer­den, wenn die Betrof­fe­nen ein­ge­wil­ligt haben, sie seit min­de­stens drei Jah­ren tot sind oder «die Unter­la­gen der Öffent­lich­keit bereits zugäng­lich waren, vor­be­hält­lich neu­er Grün­de gegen die Ein­sicht­nah­me» (Art. 8 Abs. 1 der Verordnung).

Die Rekurs­kom­mis­si­on des Bun­des­ge­richts ent­schied über das Gesuch am 24. Febru­ar 2021 (Urteil 13Y_1/2021). Dabei befass­te sie sich ein­läss­lich mit den Vor­aus­set­zun­gen der Ein­sicht­nah­me in Pro­zess­ak­ten (E. 2) und deren behaup­te­ter Öffent­lich­keit (E. 3): Zwar ver­langt das Archi­vie­rungs­ge­setz durch­aus, dass Unter­la­gen, die bereits vor Ablie­fe­rung an das Archiv öffent­lich zugäng­lich waren, dies auch wei­ter­hin blei­ben (Art. 9 Abs. 2 BGA). Auch zielt die «Öffent­lich­keits­po­li­tik des Bun­des­ge­richts» dar­auf, die eige­ne Recht­spre­chung trans­pa­rent zu hal­ten und einer «Kabi­netts­ju­stiz» ent­ge­gen­zu­wir­ken (E. 3.2.4). Den­noch ist die zeit­lich und räum­lich ein­ge­schränk­te Urteils­auf­la­ge nicht mit einer Publi­ka­ti­on etwa im Bun­des­blatt zu ver­glei­chen: Der 30-tägi­ge Auf­ent­halt im War­te­raum des Bun­des­ge­richts in Lau­sanne macht die Urteils­dis­po­si­ti­ve noch lan­ge nicht «öffent­lich».

Vor die­sem Hin­ter­grund erspar­te sich die Kom­mis­si­on die Fra­ge nach dem schutz­wür­di­gen Inter­es­se (E. 4) – und dem Gesuch­stel­ler die Ver­fah­rens­ko­sten (E. 5).