BGer 2C_780/2020: enger «Über­mitt­lungs­feh­ler» im AIAG

Das Bun­des­ge­setz über den inter­na­tio­na­len auto­ma­ti­schen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch in Steu­er­sa­chen (AIAG) regelt u.a. die Rechts­be­hel­fe gegen eine amts­hil­fe­wei­se Daten­über­mitt­lung. Des­sen Art. 19 Abs. 1 erklärt aus­drück­lich, dass den Betrof­fe­nen gegen­über dem Finanz­in­sti­tut die Rech­te nach dem DSG zuste­hen – also ins­be­son­de­re die Ansprü­che auf Aus­kunft, Berich­ti­gung und Löschung (Art. 5, 15, 25 DSG). Gegen­über der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung (ESTV) kön­nen Betrof­fe­ne dage­gen bloss Aus­kunft ein­ho­len und eine Berich­ti­gung ver­lan­gen, sofern die unrich­ti­gen Daten «auf Über­mitt­lungs­feh­lern beru­hen» (Art. 19 Abs. 2 Satz 1 AIAG). Nur für den Fall, dass die Über­mitt­lung auf­grund feh­len­der rechts­staat­li­cher Garan­tien unzu­mut­ba­re Nach­tei­le bewirkt, ver­weist das Gesetz auf den Rechts­schutz gegen Realak­te (Art. 19 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. Art. 25a VwVG).

Mit der Aus­le­gung die­ses Art. 19 Abs. 2 AIAG befass­te sich das Bun­des­ge­richt im Urteil 2C_780/2020 vom 11. März 2021. Der Beschwer­de­füh­rer hat­te die ESTV ver­geb­lich dar­um ersucht, sei­ne Anga­ben aus den nach Argen­ti­ni­en zu über­mit­teln­den Daten zu strei­chen, die ihn als Kon­troll­in­ha­ber eines Kon­tos auswiesen.

Die Hür­de für eine bun­des­ge­richt­li­che Beur­tei­lung lag in die­sem Fall hoch, weil Ent­schei­de auf dem Gebiet der inter­na­tio­na­len Amts­hil­fe in Steu­er­sa­chen nur beschwer­de­fä­hig sind, wenn sich eine Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung stellt oder der Fall sonst­wie «beson­ders bedeu­tend» ist (Art. 84a i.V.m. 84 Abs. 2 BGG). Hier trat das Bun­des­ge­richt auf die Beschwer­de ein, weil es die Fra­ge, «wie weit der daten­schutz­recht­li­che Anspruch gegen­über der ESTV reicht», als kon­tro­vers und von gro­sser prak­ti­scher Bedeu­tung ein­stuf­te (E. 1.3).

Der eben­falls umstrit­te­nen Fra­ge, inwie­weit der von Art. 19 AIAG gewähr­te Rechts­schutz grund­rechts­kon­form ist, ent­le­dig­te sich das Bun­des­ge­richt, indem es dem Beschwer­de­füh­rer vor­hielt, sei­ner erhöh­ten Rüge­pflicht in die­sem Bereich nicht nach­ge­kom­men zu sein (E. 4.3). Auf­fäl­li­ger­wei­se kam es in sei­ner mate­ri­el­len Beur­tei­lung den­noch dar­auf zurück und gab in einer gan­zen Erwä­gung – unkom­men­tiert – die neue­ste Lite­ra­tur wie­der, die sich kri­tisch zur Ver­fas­sungs- und Kon­ven­ti­ons­kon­for­mi­tät der Bestim­mung äussert (E. 5.4).

Aus­ge­hend vom gewöhn­li­chen Sprach­ge­brauch, der Histo­rie und Ziel­rich­tung der Vor­schrift sprach sich das Bun­des­ge­richt für ein enges Begriffs­ver­ständ­nis aus. Für eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on, wie sie Tei­le der Leh­re for­dern, besteht sei­ner Ansicht nach kein Raum (E. 5.5). Dem­nach kann und soll die ESTV kei­ne mate­ri­el­le Prü­fung vor­neh­men und braucht die recht­li­che Ein­schät­zung des Finanz­in­sti­tuts nicht zu hin­ter­fra­gen (E. 5.6.2). Ein­zu­schrei­ten hat sie ent­spre­chend nur, «wenn die Feh­ler­haf­tig­keit der Daten kau­sal mit dem Über­mitt­lungs­vor­gang zusam­men­hängt» (E. 5.2). Damit schrumpft der Anwen­dungs­be­reich des «Über­mitt­lungs­feh­lers» im Wesent­li­chen auf «blo­sse Ver­se­hen» zusam­men, die den Finanz­in­sti­tu­ten bei der Aus­hän­di­gung unter­lau­fen (E. 5.3).

Da im vor­lie­gen­den Fall nichts dar­auf hin­deu­te­te, dass die Daten erst bei ihrer Über­mitt­lung ver­fälscht wor­den wären, konn­te der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 19 Abs. 2 AIAG kei­nen Berich­ti­gungs­an­spruch gegen die ESTV ablei­ten (E. 5.7). Das Bun­des­ge­richt wies die Kla­ge ab und den Beschwer­de­füh­rer dar­auf hin, dass er sich dies­be­züg­lich «allei­ne an die Bank zu hal­ten» habe. Für den Fall, dass die­se eine Berich­ti­gung ver­wei­gern soll­te, ver­wies es ihn auf den Zivil­weg (E. 5.8).