Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat mit Urteil A‑4286/2022 vom 20. April 2026 eine Beschwer­de der Digi­ta­len Gesell­schaft gegen den Nach­rich­ten­dienst des Bun­des (NDB) weit­ge­hend abge­wie­sen und teil­wei­se gutgeheissen:

Im Zen­trum ste­hen die Aus­nah­me vom Öffent­lich­keits­prin­zip nach Art. 67 NDG und die Fra­ge, ob die­se Aus­nah­me auch rechts­wid­ri­ge Tätig­kei­ten erfasst, was das BVGer bejaht.

Aus­gangs­punkt ist ein Zugangs­ge­such der Digi­ta­len Gesell­schaft zu zwei Doku­men­ten des NDB, einem Bear­bei­tungs­re­gle­ment und einer Rechts­grund­la­gen­ana­ly­se für ein Gesichts­er­ken­nungs­sy­stem des NDB. Der NDB hat­te den Zugang gestützt auf Art. 67 NDG verweigert.

Das BVGer legt Art. 67 NDG („Das [BGÖ] gilt nicht für den Zugang zu amt­li­chen Doku­men­ten betref­fend die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung nach die­sem Gesetz“) weit aus. Der Begriff der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung erfas­se die Beschaf­fung der Per­so­nen­da­ten, das Erfas­sen der bio­me­tri­schen Merk­ma­le und den Daten­ab­gleich auf dem Weg zum nach­rich­ten­dienst­li­chen Pro­dukt. Vom BGÖ aus­ge­nom­men sind auch Doku­men­te, deren Inhalt Rück­schlüs­se auf die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung ermöglicht:

7.4 Zusam­men­ge­fasst ergibt die Aus­le­gung von Art. 67 NDG, dass es sich dabei um eine beson­de­re Bestim­mung im Sin­ne von Art. 4 Bst. b BGÖ handelt, die vom Öffent­lich­keits­ge­setz abwei­chen­de Vor­aus­set­zun­gen für den Zugang zu bestimm­ten Infor­ma­tio­nen vorsieht: […]

Zudem ist dem Begriff der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung im Anwen­dungs­bereich von Art. 67 NDG ein wei­tes Ver­ständ­nis bei­zu­ge­ben; der Begriff schliesst neben der Beschaf­fung von Daten auch die wei­te­re Daten­bearbei­tung zur Erfül­lung der Auf­ga­ben gemäss Art. 6 NDG mit ein. Die Ausnah­me vom Öffent­lich­keits­prin­zip gilt dabei auch für Doku­men­te, deren Inhalt Rück­schlüs­se auf Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung durch die Vor­in­stanz ermög­licht (vgl. Urteil des BGer 1C_222/2018 vom 21. März 2019 E. 4, insbes. E. 4.5).

Art. 67 NDG nimmt aller­dings nicht gan­ze Doku­men­te, son­dern nur Anga­ben mit einem bestimm­ten Infor­ma­ti­ons­ge­halt aus. Das BVGer prüft dies für bei­de Doku­men­te gesondert:

  • Das Bear­bei­tungs­re­gle­ment ent­hal­te Anga­ben zu Zweck, Funk­ti­ons­wei­se, Ein­bet­tung in die System­land­schaft, bear­bei­te­ten Per­so­nen­da­ten, Zugriffs­rech­ten sowie Daten­si­cher­heit und Daten­schutz. Es betref­fe als Gan­zes die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, wes­halb der Zugang ins­ge­samt zu ver­wei­gern sei.
  • Rechts­grund­la­gen­ana­ly­se, Ziff. 1 (“Aus­gangs­la­ge”): Auch hier ver­wei­gert das BVGer den Zugang, weil die­ser Abschnitt ope­ra­ti­ve und tech­ni­sche Fähig­kei­ten im Bereich der Gesichts­er­ken­nung beschreibt.
  • Rechts­grund­la­gen­ana­ly­se, Ziffn 2 – 7: Die­ser Teil betrifft Rechts­grund­la­gen, Lücken, Vor­schlä­ge, Kon­se­quen­zen und Emp­feh­lun­gen. Hier greift kein Aus­nah­me­tat­be­stand, wes­halb inso­weit der Zugang zu gewäh­ren ist.

Art. 67 NDG gel­te auch, wenn die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung rechts­wid­rig erfolgt. Das BVGer lässt aber aus­drück­lich offen, wie zu ent­schei­den wäre, wenn eine Mass­nah­me “offen­sicht­lich in kras­ser Wei­se ele­men­ta­re Grund­rech­te” verletzt:

Die Geset­zes­aus­le­gung hat sich, wie vor­ste­hend aus­ge­führt, vom Gedanken lei­ten zu las­sen, dass nicht schon der Wort­laut die Norm dar­stellt, sondern erst das an Sach­ver­hal­ten ver­stan­de­ne und kon­kre­ti­sier­te Gesetz. So kam das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Urteil A‑6444/2020 vom 19. Novem­ber 2025 zu dem Ergeb­nis, dass die Funk- und Kabel­auf­klä­rung als Mass­nah­men zur Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung nicht in hin­rei­chen­dem Mass Schutz vor Miss­brauch bie­ten und die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung insoweit rechts­wid­rig erfolgt. Wäre der Anwen­dungs­be­reich von Art. 67 NDG ent­spre­chend der Auf­fas­sung der Beschwer­de­füh­re­rin auf recht­mä­ssi­ge Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fun­gen beschränkt, müss­te als Fol­ge des Urteils vom 19. Novem­ber 2025 der Zugang zu sämt­li­chen Doku­men­ten betref­fend die Funk- und Kabel­auf­klä­rung gewährt wer­den, obschon die Män­gel bekannt sind und vom Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich beho­ben wer­den kön­nen (vgl. Urteil des BVGer A‑6444/2020 vom 19. Novem­ber 2025, E. 25, insbes. E. 25.4; vgl. anders im sach­li­chen Gel­tungs­be­reich des Öffent­lichkeits­ge­set­zes das Urteil des BVGer A‑683/2016 vom 20. Okto­ber 2016 E. 7.1.3, wonach das öffent­li­che Inter­es­se an den inter­na­tio­na­len Beziehun­gen der Schweiz im Fal­le einer «rechts­staat­lich frag­wür­di­gen» behördlichen Pra­xis nicht als schutz­wür­dig anzu­se­hen und daher eine Aus­nah­me vom Öffent­lich­keits­prin­zip im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 Bst. d BGÖ nicht gerecht­fer­tigt war). Ein sol­ches Ergeb­nis wäre mit der dar­ge­stell­ten, hin­ter Art. 67 NDG ste­hen­den Wer­tung des Gesetz­ge­bers nicht ver­ein­bar. […]. Ob dies auch für den Fall gilt, da eine Massnah­me zur Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung offen­sicht­lich in kras­ser Wei­se elemen­ta­re Grund­rech­te ver­letzt, muss hier nicht beur­teilt wer­den […].

Das BVGer lässt die Fra­ge der Recht­mä­ssig­keit der Bear­bei­tung bio­me­tri­scher Daten durch den NDB offen, hat aber erheb­li­che Zweifel:

  • Das Erfas­sen bio­me­tri­scher Merk­ma­le und der Abgleich mit bestehen­den Daten­be­stän­den stel­len je eine eigen­stän­di­ge Daten­be­ar­bei­tung dar, die das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung (Art. 13 Abs. 2 BV) und das Recht auf Pri­vat­le­ben (Art. 8 EMRK) schwer beeinträchtigt.
  • Erfor­der­lich ist daher eine hin­rei­chend bestimm­te Grund­la­ge in einem for­mel­len Gesetz, das auch Anlass und Reich­wei­te des Daten­ab­gleichs und die Dau­er der Bear­bei­tung ange­mes­sen begren­zen und eine unab­hän­gi­ge Kon­trol­le vor­se­hen muss.
  • Art. 44 Abs. 1 NDG erlaubt die Bear­bei­tung beson­ders schüt­zens­wer­ter Per­so­nen­da­ten, und Anhang 1 VIS-NDB nennt dabei Fotos. Fotos sind für sich genom­men aller­dings kei­ne bio­me­tri­sche Daten, wes­halb aus der Berech­ti­gung zur Bear­bei­tung von Fotos nicht auf eine Berech­ti­gung auch zur bio­me­tri­schen Bear­bei­tung geschlos­sen wer­den kann.
  • Eine mit Art. 3 Abs. 7 VIS-NDB (OCR-Tech­nik) ver­gleich­ba­re Grund­la­ge für bio­me­tri­sche Ver­fah­ren fehlt.