Take-Aways (AI)
  • Erwei­te­rung des Platt­form­ar­beits­an­sat­zes auf alle Arbeits­ver­hält­nis­se mit zusätz­li­chem Schutz vor algo­rith­mi­schem Management.
  • Ver­bot der Ver­ar­bei­tung sen­si­bler Daten wie Emo­tio­nen, Neu­ro­da­ten, pri­va­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on und Stand­ort ausser­halb der Arbeit.
  • Pflich­ten zu Trans­pa­renz, Kon­sul­ta­ti­on, wirk­sa­mer mensch­li­cher Auf­sicht und Inte­gra­ti­on von Risi­ken in Arbeitsschutzsysteme.

Der Beschäf­ti­gungs­aus­schuss des EU-Par­la­ments hat am 17. Dezem­ber 2025 Emp­feh­lun­gen an die Kom­mis­si­on für eine Richt­li­nie über algo­rith­mi­sches Manage­ment am Arbeits­platz ver­ab­schie­det (Ver­fah­rens­ak­te.

Nach Art. 225 AEUV kann das Par­la­ment die Kom­mis­si­on auf­for­dern, einen Legis­la­tiv­vor­schlag vor­zu­le­gen. Ist der Bericht zur legis­la­ti­ven Initia­ti­ve ange­nom­men, hat die Kom­mis­si­on drei Mona­te, um das Par­la­ment über die geplan­ten näch­sten Schrit­te zu infor­mie­ren oder zu begrün­den, war­um sie den For­de­run­gen des Par­la­ments nicht nachkommt.

Inhalt­lich schliesst der Ent­wurf an die Platt­form­ar­beits­richt­li­nie (sie­he dazu Pär­li im Jus­let­ter 2024) an, erwei­tert deren Ansatz aber auf alle Arbeits­ver­hält­nis­se. Die Ver­bots­li­ste in Art. 5 über­schnei­det sich teil­wei­se mit Art. 5 AI Act (ver­bo­te­ne KI-Prak­ti­ken), geht aber wei­ter, etwa beim aus­drück­li­chen Ver­bot von Neu­ro­sur­veil­lan­ce und der Ver­ar­bei­tung von Daten über den emo­tio­na­len Zustand.

Rege­lungs­be­darf

Laut dem Bericht set­zen zwi­schen einem Vier­tel und 80% der Unter­neh­men in der EU min­de­stens eine Form von algo­rith­mi­schem Manage­ment ein. 26.5% der Arbeit­neh­mer sol­len durch Soft­ware über­wacht wer­den, bei 27.4% wer­den Auf­ga­ben über Soft­ware zugeteilt.

Der Bericht iden­ti­fi­ziert zunächst Lücken im bestehen­den Rechts­rah­men. Die Platt­form­ar­beits-RL ist auf Platt­form­ar­beit beschränkt:

[T]he Plat­form Work Directive’s pro­vi­si­ons on algo­rith­mic manage­ment (in par­ti­cu­lar workers’ rights to trans­pa­ren­cy, human review, worker infor­ma­ti­on and con­sul­ta­ti­on and OSH) only app­ly to per­sons per­forming plat­form work lea­ving other workers incre­a­sing­ly sub­ject to algo­rith­mic manage­ment less pro­tec­ted; under­lines the need to ensu­re equal tre­at­ment of all workers […]

Der Ent­wurf des Berichts aus dem Som­mer 2025 ent­hielt anders als die Schluss­fas­sung noch kla­re­re Aus­sa­gen zu den Schutz­lücken des AI Act und der DSGVO:

  • Der AI Act klas­si­fi­zie­re zwar arbeits­be­zo­ge­ne KI-Syste­me als Hoch­ri­si­ko, fokus­sie­re aber auf Markt­zu­gang und Produktsicherheit:

    The AI Act repres­ents a signi­fi­cant step for­ward in regu­la­ting high-risk arti­fi­ci­al intel­li­gence systems, it remains nevert­hel­ess insuf­fi­ci­ent to ful­ly address the chal­lenges posed by algo­rith­mic manage­ment in the work­place. Alt­hough it clas­si­fi­es work-rela­ted AI tools as high-risk, its pri­ma­ry focus is on mar­ket pla­ce­ment, pro­duct safe­ty, and com­pli­ance obli­ga­ti­ons for pro­vi­ders and users, and not on the employer-worker rela­ti­on­ship. Moreo­ver, the AI Act does not app­ly to algo­rith­mic manage­ment systems that are not AI-based, lea­ving a regu­la­to­ry gap in addres­sing the broa­der impact of digi­tal manage­ment tools on workers’ rights, working con­di­ti­ons, and social dialogue.

  • Die DSGVO wie­der­um stam­me aus 2016 und sei nicht für die spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen des Daten­schut­zes am Arbeits­platz konzipiert:

    Regu­la­ti­on (EU) 2016/679 […] dates back to 2016 and was not spe­ci­fi­cal­ly desi­gned to address the par­ti­cu­lar chal­lenges of data pro­tec­tion in the work­place […] Artic­le 15(1), point (h), of Regu­la­ti­on (EU) 2016/679, which lays down the trans­pa­ren­cy requi­re­ments for and the limi­ta­ti­ons of data pro­ce­s­sing, only pro­vi­des for clear pro­hi­bi­ti­ons in the case of ful­ly auto­ma­ted decis­i­on-making pro­ce­s­ses, which are the­r­e­fo­re not suf­fi­ci­ent in most employment-rela­ted con­texts. What is more, Regu­la­ti­on (EU) 2016/679 adopts indi­vi­dua­li­stic approach and does not grant coll­ec­ti­ve rights. Sin­ce the ent­ry into force of Regu­la­ti­on (EU) 2016/679, Artic­le 88 on the pro­tec­tion of workers’ per­so­nal data has been poor­ly imple­men­ted and remains lar­ge­ly inef­fec­ti­ve in near­ly all Mem­ber States.

Algo­rith­mi­sches Management”

Der Beschluss ent­hält kei­ne Defi­ni­ti­on des algo­rith­mi­schen Manage­ments mehr, anders als der Ent­wurf, son­dern ver­weist auf die Defi­ni­ti­on der Plattformarbeitsrichtlinie:

algo­rith­mic manage­ment’ should be defi­ned as auto­ma­ted moni­to­ring systems and auto­ma­ted decis­i­on-making systems.

Die Platt­form­ar­beits­richt­li­nie defi­niert die­se Begrif­fe in Art. 2:

  • Auto­ma­ted moni­to­ring systems: Syste­me zur Über­wa­chung, Beauf­sich­ti­gung oder Lei­stungs­be­wer­tung durch elek­tro­ni­sche Mittel
  • Auto­ma­ted decis­i­on-making systems: Syste­me, die Ent­schei­dun­gen tref­fen oder unter­stüt­zen, die ihrer­seits Arbeits­be­din­gun­gen wesent­lich beeinflussen

Emp­feh­lun­gen an die Kommission

Der Anhang ent­hält elf Emp­feh­lun­gen zuhan­den der EU-Kom­mis­si­on für einen Richtlinienvorschlag:

Trans­pa­renz und Infor­ma­ti­ons­pflich­ten (Emp­feh­lung 3)

Arbeit­ge­ber sol­len die betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer und deren Ver­tre­ter schrift­lich infor­mie­ren über:

  • Ein­satz oder geplan­ten Ein­satz von algo­rith­mi­schen Managementsystemen
  • Aus­wir­kun­gen auf Arbeits­be­din­gun­gen und Beschäftigungsstatus
  • Kate­go­rien erho­be­ner Daten, Ver­ar­bei­tungs­zwecke und Empfänger
  • Mecha­nis­men mensch­li­cher Aufsicht
  • Schu­lungs- und Unterstützungsmassnahmen

Auch Bewer­ber sol­len über auto­ma­ti­sier­te Ent­schei­dungs­sy­ste­me infor­miert werden.

Kon­sul­ta­ti­ons­pflich­ten (Emp­feh­lung 4)

Die Ein­füh­rung neu­er Syste­me, die Ver­gü­tung, Bewer­tung, Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on, Auf­ga­ben­ver­tei­lung oder Arbeits­zeit betref­fen, soll Kon­sul­ta­ti­ons­pflich­ten auslösen.

Ver­bo­te­ne Prak­ti­ken (Emp­feh­lung 5)

Die Reso­lu­ti­on for­dert ein Ver­bot der Ver­ar­bei­tung fol­gen­der Daten:

  • Gefüh­le, Stim­mun­gen, Hirn­ak­ti­vi­tät oder bio­me­tri­sche Daten
  • Pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, auch mit Kol­le­gen oder Arbeitnehmervertretern
  • Ver­hal­ten ausser­halb der Arbeits­zeit oder in pri­va­ten Räu­men; Stand­ort­ver­fol­gung ausser­halb der Arbeitszeit
  • Daten, die Rück­schlüs­se auf gewerk­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten oder die Aus­übung ande­rer Grund­rech­te erlauben
  • beson­de­re Daten nach Art. 9 DSGVO (Gesund­heit, Eth­nie, Reli­gi­on, poli­ti­sche Mei­nung, sexu­el­le Ori­en­tie­rung usw.) sowie Rück­schlüs­se auf sol­che Daten

Die­se Ver­bo­te sol­len auch für das Bewer­bungs­ver­fah­ren gelten.

Mensch­li­che Auf­sicht (Emp­feh­lung 6)

Die Reso­lu­ti­on ver­langt kon­ti­nu­ier­li­che und wirk­sa­me mensch­li­che Auf­sicht über alle Ent­schei­dun­gen, die durch algo­rith­mi­sches Manage­ment getrof­fen oder unter­stützt werden:

The per­sons respon­si­ble for over­sight and eva­lua­ti­on should have the com­pe­tence, trai­ning and aut­ho­ri­ty neces­sa­ry to exer­cise tho­se func­tions, inclu­ding the aut­ho­ri­ty to over­ri­de auto­ma­ted decisions.

Arbeit­neh­mer sol­len ein Recht auf Erklä­rung haben für Ent­schei­dun­gen, die wesent­li­che Aspek­te ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses betref­fen. Für bestimm­te Ent­schei­dun­gen gilt ein Automatisierungsverbot:

Decis­i­ons con­cer­ning the initia­ti­on or ter­mi­na­ti­on of employment, the rene­wal or non-rene­wal of a con­trac­tu­al agree­ment, or any chan­ges in remu­ne­ra­ti­on or disci­pli­na­ry action should always be taken by a human being and should be sub­ject to human review.

Arbeits­schutz (Emp­feh­lung 7)

Arbeit­ge­ber sol­len die Risi­ken algo­rith­mi­scher Syste­me in ihre Arbeits­schutz­sy­ste­me inte­grie­ren, ein­schliess­lich psy­cho­so­zia­ler und ergo­no­mi­scher Risi­ken sowie “undue pres­su­re” auf Arbeitnehmer.

Auf­sicht (Emp­feh­lun­gen 8 und 10)

Die Arbeits­in­spek­to­ra­te sol­len für die Über­wa­chung zustän­dig sein. Zusätz­lich sol­len die Daten­schutz­be­hör­den die Anwen­dung der Bestim­mun­gen zur Daten­ver­ar­bei­tung im Beschäf­ti­gungs­kon­text über­wa­chen, in Zusam­men­ar­beit mit den Arbeitsbehörden.

Ver­hält­nis­mä­ssig­keit und KMU

KMU sol­len vor zuviel Büro­kra­tie ver­schont bleiben:

The pro­po­sal should respect the prin­ci­ple of pro­por­tio­na­li­ty and should ensu­re that the admi­ni­stra­ti­ve and com­pli­ance bur­den impo­sed is appro­pria­te to the size of the employer and the resour­ces at its dis­po­sal, the natu­re of the tech­no­lo­gies used, and the level of the risk invol­ved, par­ti­cu­lar­ly with regard to micro, small and medi­um-sized enterprises.