Inter­pel­la­ti­on Pog­gia (26.3034): Tar­doc und KVG. Eine auf­er­leg­te Ver­let­zung der ärzt­li­chen Schweigepflicht?

Ein­ge­reich­ter Text

Wie begrün­det der Bun­des­rat, dass Tar­doc von den Lei­stungs­er­brin­gern ver­langt, gegen die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht gegen­über ihren Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten zu ver­sto­ssen, wenn sie ihre Rech­nun­gen über die Grund­ver­si­che­rer ver­gü­ten las­sen wollen?

Begrün­dung

Beim neu­en medi­zi­ni­schen Tarif Tar­doc, der seit dem 1. Janu­ar 2026 für die Ver­gü­tung der Lei­stungs­er­brin­ger von ambu­lan­ten Behand­lun­gen zula­sten der OKP gilt, muss der ICD-10-Code (Inter­na­tio­na­le sta­ti­sti­sche Klas­si­fi­ka­ti­on der Krank­hei­ten – 10. Revi­si­on) auf der Rech­nung ange­ge­ben wer­den. Fehlt der Code, so lehnt der Ver­si­che­rer die Kosten­über­nah­me ab. Die ICD-10-Codes sind kei­nes­wegs ver­trau­lich; sie las­sen sich dechif­frie­ren und zei­gen die Dia­gno­sen, die dem Arzt­be­such zugrun­de lie­gen. So wird der Ver­si­che­rer ‒ und allen vor­an das Ver­wal­tungs­per­so­nal, das die Post ent­ge­gen­nimmt und ver­teilt ‒ über den Grund für die Kon­sul­ta­ti­on infor­miert. Bei Tar­med muss­te der Code nicht ange­ge­ben wer­den; die Ände­rung geschah heim­lich und ohne demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on. Ist sich der Bun­des­rat des­sen bewusst? Was gedenkt er zu unter­neh­men, um die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht zu schüt­zen, die für das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen der Pati­en­ten­schaft und den Gesund­heits­fach­per­so­nen unab­ding­bar ist?

Stel­lung­nah­me des Bun­des­rats vom 22.4.26

Der Bun­des­rat ist sich der Bedeu­tung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses, das zwi­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und ihren Ärz­tin­nen und Ärz­ten besteht, bewusst und ist der Ansicht, dass die Wei­ter­ga­be medi­zi­ni­scher Daten stren­gen Regeln unter­lie­gen muss.

Nach Arti­kel 42 Absatz 3bis des Bun­des­ge­set­zes über die Kran­ken­ver­si­che­rung (KVG; SR 832.10) müs­sen die Lei­stungs­er­brin­ger die für die Rech­nungs­stel­lung erfor­der­li­chen Dia­gno­sen und Pro­ze­du­ren nach aner­kann­ten Klas­si­fi­ka­tio­nen codiert auf der Rech­nung auf­füh­ren. Die Pflicht, die Dia­gno­sen auf den Rech­nun­gen anzu­ge­ben, wird im Übri­gen in Arti­kel 59 Absatz 1 Buch­sta­be c der Ver­ord­nung über die Kran­ken­ver­si­che­rung (KVV; SR 832.102) wie­der­holt. Die­se Vor­schrift gilt unab­hän­gig vom Tarif­mo­dell, also auch für TARDOC und die ambu­lan­ten Pauschalen.

Die Wei­ter­ga­be von Dia­gno­sen beruht dem­nach auf einer gesetz­li­chen Pflicht. Sie soll es den Kran­ken­ver­si­che­rern ermög­li­chen, die Rech­nun­gen zu über­prü­fen, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Berech­nung der Ver­gü­tung und der Wirt­schaft­lich­keit der Lei­stun­gen (Art. 42 Abs. 3 KVG). In die­sem Kon­text stellt die Wei­ter­ga­be von Dia­gno­sen auf medi­zi­ni­schen Rech­nun­gen kei­ne Ver­let­zung des Berufs­ge­heim­nis­ses im Sin­ne von Arti­kel 321 des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­bu­ches (StGB; SR 311.0) dar. Sie muss jedoch die Anfor­de­run­gen des Bun­des­ge­set­zes über den Daten­schutz (DSG; SR 235.1) erfül­len, ins­be­son­de­re den Grund­satz der Daten­mi­ni­mie­rung. Man­gels einer kla­ren Ver­ein­ba­rung zwi­schen den Tarif­part­nern hat der Bun­des­rat in sei­nem Ent­scheid vom 30. April 2025 Min­dest­an­for­de­run­gen fest­ge­legt, die dem unter TARMED bekann­ten Rah­men ähn­lich sind. Die Tarif­part­ner wur­den auf­ge­for­dert, rasch zu klä­ren, ob die Wei­ter­ga­be detail­lier­ter Daten in bestimm­ten Fäl­len ver­hält­nis­mä­ssig wäre.

Die Ver­si­che­rer sind dar­über hin­aus ver­pflich­tet, die Daten­si­cher­heit zu gewähr­lei­sten. Das Bun­des­amt für Gesund­heit über­wacht die Ein­hal­tung die­ser Pflich­ten und der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz- und Öffent­lich­keits­be­auf­trag­te ist zustän­dig für die Ein­hal­tung des Daten­schutz­rechts. Im Rah­men ihrer auf­sichts­recht­li­chen Zustän­dig­kei­ten im Bereich des Daten­schut­zes koor­di­nie­ren die bei­den Behör­den ihre Tätigkeiten.