Inter­pel­la­ti­on Reynard (19.3330): Sol­len Pati­en­ten­da­ten an den Meist­bie­ten­den ver­kauft wer­den?

Eingereichter Text

Ich bit­te den Bun­des­rat, die fol­gen­den Fra­gen zu beant­wor­ten:

1. Wie lau­tet genau der Auf­trag des Bei­rats “Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on”? Wie wur­de der Bei­rat kon­sti­tu­iert, mit Blick auf wel­ches Ergeb­nis?

2. Es geht um sehr wich­ti­ge Fra­gen, die das Pri­vat­le­ben von Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten und von Per­so­nen, die Pfle­ge­lei­stun­gen in Anspruch neh­men, betref­fen. War­um wur­den im Wis­sen dar­um die Pati­en­ten­schutz-, Kon­su­men­ten­schutz- und Daten­schutz­ver­bän­de zu kei­ner ein­zi­gen Sit­zung ein­ge­la­den? Wur­de der Eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz- und Öffent­lich­keits­be­auf­trag­te ein­ge­la­den?

3. Erwägt der Bun­des­rat die Mög­lich­keit, die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Per­so­nen­da­ten, ins­be­son­de­re aus dem elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­dos­sier, zuzu­las­sen? Wenn ja, auf wel­cher Rechts­grund­la­ge, zu wel­chem Zweck und mit wel­chen Ein­schrän­kun­gen?

4. Ist der Bun­des­rat bei­spiels­wei­se für die Sen­kung der Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en für Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, die sich bereit erklä­ren, ihre Daten an eine Ver­si­che­rung wei­ter­zu­ge­ben? Wenn ja, wie steht es mit dem Soli­da­ri­täts­prin­zip?

Begründung

Am 12. Juni 2017 kün­dig­te der Bun­des­rat die Schaf­fung des Bei­rats “Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on” unter der gemein­sa­men Lei­tung von WBF und UVEK an. In die­sem Gre­mi­um kom­men Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus Wirt­schaft, Poli­tik und Wis­sen­schaft zusam­men, um den Mei­nungs­aus­tausch über Cyber­si­cher­heit, die Schaf­fung von Clu­stern und die Ver­brei­tung von Per­so­nen­da­ten zu för­dern. Das sind heik­le The­men. Das Poten­zi­al ist zwar äusserst viel­ver­spre­chend; die Nut­zung von Daten, deren Ver­brei­tung und Kom­mer­zia­li­sie­rung sind aber auch eine Gefahr für den Schutz der Pri­vat­sphä­re.

Ende Febru­ar 2019 berich­te­te die Pres­se über die fünf­te Sit­zung des Bei­rats, die am 25. Okto­ber 2018 statt­fand. Dar­aus ging her­vor, dass man sich um den Schutz des Pri­vat­le­bens teils wenig schert. Der Chef eines Unter­neh­mens ging gar so weit, die­sen als unnö­ti­gen Luxus zu bezeich­nen. In die­sem Sinn ist anzu­neh­men, dass der Bun­des­rat der Mög­lich­keit, dass Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten sowie Pfle­ge­lei­stun­gen bean­spru­chen­de Per­so­nen ihre Daten ver­kau­fen, eher posi­tiv gegen­über­steht, ins­be­son­de­re Daten, die in Zukunft im elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­dos­sier ent­hal­ten sein wer­den, das ab Früh­ling 2020 in den Spi­tä­lern obli­ga­to­risch sein wird.

Stellungnahme des Bundesrats vom 22.5.2019

1. Der Bei­rat “Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on” wur­de von Bun­des­prä­si­den­tin Doris Leu­thard und Bun­des­rat Johann Schnei­der-Ammann ins Leben geru­fen und wird von den zustän­di­gen Bun­des­rä­ten bzw. Bun­des­rä­tin­nen gelei­tet. Der Bei­rat dient dem Aus­tausch zwi­schen Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft und der Kon­sul­ta­ti­on zu wich­ti­gen Fra­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Er wird mehr­mals jähr­lich ein­be­ru­fen und setzt sich aus Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern von Unter­neh­men, Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und Ver­bän­den zusam­men, wobei der Teil­neh­mer­kreis je nach The­ma vari­ie­ren kann.

2. Am 12. Juni 2017 hat sich der Bei­rat “Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on” zu sei­ner ersten kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung getrof­fen. Es han­delt sich dabei um ein bera­ten­des Exper­ten­gre­mi­um und nicht um ein Ver­nehm­las­sungs- oder Anhö­rungs­or­gan. Es wer­den kei­ne Ent­schei­de gefällt. Die stän­di­gen Mit­glie­der des Bei­rats wur­den dazu ad per­so­nam beru­fen. Je nach The­ma kön­nen zusätz­li­che Teil­neh­men­de ein­ge­la­den wer­den: Pati­en­ten-, Kon­su­men­ten- und Daten­schutz­ver­tre­ter wer­den je nach The­ma ein­be­zo­gen. So waren bei­spiels­wei­se Daten­schutz und Daten­ver­wen­dung Kern­the­men der Sit­zung vom 11. März 2019. An die­ser Sit­zung nah­men unter ande­ren der eid­ge­nös­si­sche Daten­schutz- und Öffent­lich­keits­be­auf­trag­te (EDÖB) sowie ein Ver­tre­ter des Inter­na­tio­na­len Komi­tees vom Roten Kreuz teil, wel­che ihre Aspek­te zum The­ma ein­ge­bracht haben.

3. Gesund­heits­da­ten, wie sie im elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­dos­sier (EPD) ent­hal­ten sein wer­den, sind beson­ders schüt­zens­wer­te Per­so­nen­da­ten. Das Bun­des­ge­setz über das elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­dos­sier (EPDG; SR 816.1) hält des­halb klar fest, dass nur an der Behand­lung eines Pati­en­ten oder einer Pati­en­tin betei­lig­te Gesund­heits­fach­per­so­nen Zugriff auf das EPD erhal­ten. Und dies auch nur, wenn ihnen der betrof­fe­ne Pati­ent oder die betrof­fe­ne Pati­en­tin die ent­spre­chen­den Zugriffs­rech­te erteilt haben.

Kran­ken­ver­si­che­rer, Arbeit­ge­ber oder Unter­neh­men aus der Phar­ma- und Gesund­heits­bran­che haben somit kei­nen Zugriff auf die Daten des EPD. Auch die mit der für den Betrieb des EPD not­wen­di­gen Daten­hal­tung beauf­trag­ten Unter­neh­men haben kei­nen Zugriff auf die Daten der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Den Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten steht es jedoch jeder­zeit frei, ob sie – nach ent­spre­chen­der Auf­klä­rung und Ein­wil­li­gung – ihre Gesund­heits­da­ten für For­schungs­pro­jek­te zur Ver­fü­gung stel­len wol­len.

4. Wie in der Ant­wort auf die Fra­ge 3 aus­ge­führt, haben Kran­ken­ver­si­che­rer kei­nen Zugriff auf die Daten des EPD. Die­ses Grund­prin­zip wür­de auch bei der Ein­füh­rung alter­na­ti­ver Ver­si­che­rungs­mo­del­le, bei denen das EPD ein Ver­trags­be­stand­teil ist, nicht geän­dert. Wie der Bun­des­rat in sei­ner Stel­lung­nah­me zur Moti­on 19.3130 Hess Lorenz “Elek­tro­ni­sches Pati­en­ten­dos­sier: Ver­brei­tung mit alter­na­ti­ven Ver­si­che­rungs­mo­del­len för­dern” aus­führt, erach­tet er es aktu­ell als ver­früht, die Ver­brei­tung des EPD durch alter­na­ti­ve Ver­si­che­rungs­mo­del­le zu för­dern.

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Rechtsanwalt bei FRORIEP. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er ist Gründer von swissblawg.